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Der Tod in Venedig

Der Tod in Venedig

Venedig zeichnet sich durch schmale Kanäle mit Gondeln, viele Brücken und alte traditionelle und teils prächtige Bauten direkt am Wasser aus. Bereits seit Jahrhunderten begeistert die Stadt viele Reisende, aber auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Auch der Autor Thomas Mann reiste nach Venedig und ließ den Protagonisten seiner Novelle "Der Tod in Venedig" dasselbe tun.

Eine Novelle ist eine Prosaform von mittlerer Länge und gehört zur Gattung der Epik. Sie hat meistens nur eine geradlinige Haupthandlung und behandelt nach Goethe eine "unerhörte Begebenheit".

In der Novelle "Der Tod in Venedig" von 1912 geht es um den Schriftsteller Aschenbach, der sich im Venedig-Urlaub heimlich in den Jungen Tadzio verliebt.

"Der Tod in Venedig" – Zusammenfassung

Die Novelle "Der Tod in Venedig" ist in fünf Kapitel unterteilt, die dem Aufbau einer griechischen Tragödie ähneln. Im Folgenden siehst Du eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel.

In der klassischen Dramentheorie von Aristoteles besteht ein Drama aus der Exposition (Einführung), der steigenden Handlung, dem Höhe- und Wendepunkt, der fallenden Handlung und der Lösung oder Katastrophe.

Kapitel 1

Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach ist gerade 50 Jahre alt geworden. Nach einem anstrengenden Arbeitstag unternimmt er einen Spaziergang durch seine Heimatstadt München. Dabei bemerkt er einen seltsamen Wandergesellen, der in ihm das sofortige Bedürfnis auslöst, eine Reise zu unternehmen. Ein Urlaub im Süden soll für neue Antriebskraft und Lebensfreude sorgen. Außerdem hofft er, dem Leistungsdruck ein Stück weit zu entkommen.

Kapitel 2

Im zweiten Kapitel werden der Schriftsteller und seine Vergangenheit genauer beschrieben. Seine Vorfahren väterlicherseits haben allesamt recht angesehene Berufe, darunter Richter, Verwaltungsbeamte und Militäroffiziere, ausgeübt. Der Vater seiner Mutter hingegen ist Kapellmeister gewesen und hat wohl die künstlerische Ader in Gustav von Aschenbach hervorgebracht.

Trotz einiger gesundheitlicher Einschränkungen in seiner Jugend wird Aschenbach seitdem darauf getrimmt, hohe Leistungen zu erbringen. Seine Werke haben ihm schon bald große Erfolge eingebracht und zu seinem 50. Geburtstag wurde ihm sogar ein Adelstitel verliehen.

Aschenbach hat schon früh seine Ehefrau verloren, woraufhin er sich umso mehr in seine Arbeit stürzte. Seine Tochter ist bereits erwachsen und verheiratet. Um sein Ansehen zu erhalten, muss er hart arbeiten, was seine ständige Erschöpfung und Gereiztheit erklärt.

Kapitel 3

Zwei Wochen nach dem Erwachen seiner Reiselust macht Aschenbach sich auf den Weg. In Triest angekommen, beschließt der unruhige Schriftsteller schnell eine Weiterfahrt nach Pola. Dort sind die Begebenheiten vor Ort allerdings nicht wie erwartet, die Hotelgesellschaft missfällt ihm und das Wetter ist düster. Nach ein paar Tagen packt Aschenbach seine Sachen und steigt in ein Schiff nach Venedig.

Triest ist eine Hafenstadt im Nordosten Italiens. Pola ist eine kroatische Küstenstadt auf der Halbinsel Istrien, die am Adriatischen Meer liegt.

Auf seiner Reise wird ihm schnell klar, dass er sich in einer völlig fremden Welt befindet. Er ist zu gleichen Teilen fasziniert und schockiert über die Vielfältigkeit der Menschen. An Deck sieht er einen stark geschminkten und sehr modern gekleideten älteren Mann, der sich unter eine Gruppe jüngere Männer gemischt hat. Aschenbach ist entsetzt, dass dieser Mann von den Anderen akzeptiert wird.

Beim Abendessen im Hotel, das auf dem Lido di Venzia liegt, fällt ihm in einer Gruppe von polnischen Jugendlichen der junge Knabe Tadzio auf, den er als überwältigend schön erachtet. Als der Junge den Saal verlässt, treffen sich ihre Blicke und Aschenbach sinniert noch lange über die Vollkommenheit des Knaben.

Der Lido di Venezia ist ein vorgelagerter schmaler Landstreifen, der die Lagune von Venedig vom Adriatischen Meer trennt.

Eine Lagune ist ein flaches Gewässer, das z. B. durch Sandablagerungen zum Großteil oder vollständig vom Meer abgeschnitten ist.

Da das Wetter am nächsten Morgen erneut schlecht ist, denkt der Schriftsteller über eine Abreise nach. Dieser Gedanke verfliegt allerdings schnell wieder, als er den schönen Jüngling erneut beim Frühstück erblickt.

Bei einem Ausflug nach Venedig stellt er seine Abneigung gegen die schlechte Luft und das Gedränge der Menschen fest, woraufhin er sich erneut zu einer Abreise entschließt. Als er aber auf dem Weg zum Schiff Tadzio wiedersieht, bereut er seine Entscheidung.

Ein Zufall kommt ihm gerade recht, denn sein Gepäck wurde auf einen falschen Zug verladen und so muss er "notgedrungen" ins Hotel zurückfahren und auf die Koffer warten. Als er den Jungen erneut im Hotel sieht, wird ihm klar, dass er seinetwegen dort bleiben möchte.

Kapitel 4

Als zwei Tage später Aschenbachs Gepäck wieder da ist, hat der Schriftsteller längst beschlossen, seinen Aufenthalt zu verlängern. Immer öfter beobachtet er den Jungen bei allen möglichen Aktivitäten. Er bewundert ihn ganz und gar. Aschenbach denkt über die Antike nach und die damals üblichen Verhältnisse zwischen weisen Männern und schönen Knaben.

Im antiken Griechenland gab es die Knabenliebe, eine institutionalisierte Form der Homosexualität. Dabei hatten Männer mit älteren Jungen oder Jugendlichen eine sexuelle Beziehung, aber auch einen pädagogischen Anspruch. Der Mann erzog den Jüngeren nach gesellschaftlichen Idealen, gab seine Weisheiten weiter und förderte die Bildung des Knaben.

Bei der Begegnung mit Tadzio auf der Dampfbrücke tauscht der Schriftsteller mit dem Jungen innige Blicke aus und offenbart ihm damit seine Gefühle für ihn. Er weiß nun, dass er den Jungen liebt. Tadzio lächelt ihn an, was von Aschenbach als Erwiderung seiner Gefühle interpretiert wird. Überwältigt von diesen Erkenntnissen zieht er sich danach schnell zurück.

Kapitel 5

In der vierten Urlaubswoche herrscht eine seltsame, geheimnisvolle Unruhe in der Stadt vor. Immer mehr Hotelgäste reisen ab, darunter vorwiegend Deutsche und Österreicher. Aschenbach ist erleichtert, dass die polnische Gruppe noch geblieben ist. Mittlerweile verfolgt er den Jungen geradezu und richtet seinen gesamten Tagesablauf darauf aus, Tadzio so nah wie möglich sein zu können.

Die Zustände in der Stadt werden immer mysteriöser, es riecht vermehrt nach Desinfektionsmittel in den Straßen. Niemand spricht es aus, doch die Situation lässt die Ausbreitung einer Seuche vermuten. In einem englischen Reisebüro erfährt Aschenbach, dass es sich um die indische Cholera handelt. Ihm wird zur Heimreise geraten. Der Schriftsteller überlegt, diese Neuigkeiten auch Tadzios Familie mitzuteilen, unterlässt es jedoch, weil er dessen Abreise fürchtet.

Cholera ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Symptome sind v. a. ein starker Durchfall und das Erbrechen von Gallenflüssigkeit. Davon leitet sich auch der Name ab: "Cholera" bedeutet so viel wie "Fluss der gelben Galle". Cholera kann vor allem bei geschwächten Erkrankten tödlich enden.

Aschenbach geht zum Friseur und möchte mit Make-up und gefärbten Haaren sein Aussehen verjüngen, um Tadzio zu gefallen. Die Umwandlung lässt ihn allerdings eher sonderbar als verjüngt aussehen. Der Schriftsteller ist traurig, als er erfährt, dass auch die polnische Familie abreisen wird.

Ein paar Tage später begünstigt der Konsum verdorbener Erdbeeren, die er an einem Straßenstand erworben hat, einen wirren Traum, in dem Aschenbach einem chaotischen fremden Gott verfallen ist. Kurz darauf hat Aschenbach mit Schwäche und Schwindelanfällen zu kämpfen.

Zur Erfrischung folgt er Tadzio zum Strand und beobachtet ihn beim Baden in den Wellen. Der Schriftsteller fantasiert und meint, der Junge wolle sich im Meer das Leben nehmen. Aschenbach glaubt, Tadzio würde ihm zulächeln, um ihn ebenfalls ins Meer zu locken. Einige Minuten später wird der verstorbene Aschenbach in seinem Strandstuhl gefunden.

"Der Tod in Venedig" – Charakterisierung / Figuren

Nachfolgend werden die wichtigsten Figuren von "Der Tod in Venedig" und deren Charakterisierung erläutert. Die Hauptfigur der Novelle ist Gustav von Aschenbach, der sich in den Jungen Tadzio verliebt. Auf Aschenbachs Reise nach und in Venedig begegnen ihm einige Figuren, die als Todesboten interpretiert werden können.

Gustav von Aschenbach

  • Aschenbach ist ca. 50 Jahre alt und hat einen Adelstitel verliehen bekommen.
  • Er ist ein erfolgreicher Schriftsteller mit künstlerischer Veranlagung mütterlicherseits, sein Vater war Justizbeamter. Von seinen Eltern hat Aschenbach eine leistungsorientierte Erziehung erfahren.
  • Er ist früh körperlich labil und dadurch eingeschränkt, trotzdem hat er eine hohe Leistungsbereitschaft.
  • Aschenbach verliert früh seine Ehefrau und hat eine verheiratete Tochter.
  • Er lebt in München und entschließt sich zur Reise nach Venedig, weil er vom Berufsalltag ausgelaugt ist.
  • Auf seiner Reise verliebt er sich in den Jungen Tadzio.

Äußerlich wird Aschenbach so beschrieben:

Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgröße, brünett, rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu groß im Verhältnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rückwärts gebürstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schläfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklüftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bügel einer Goldbrille mit randlosen Gläsern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war groß, oft schlaff, oft plötzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten.1

Das Äußere von Aschenbach soll Thomas Mann dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler nachempfunden haben. Dieser ist ein Jahr nach einer persönlichen Begegnung mit Thomas Mann 1911 verstorben, kurz bevor Mann mit dem Schreiben von "Der Tod in Venedig" begann. Auch der Vorname des Protagonisten ist Mahler gewidmet.

Der Nachname "Aschenbach" ist dagegen zweiteilig: Der "Bach" ist ein fließendes Gewässer und steht damit für den Fluss des Lebens, während "Asche" der Überrest des Verbrennens ist und somit als Symbol für den Tod und die Vergänglichkeit gedeutet werden kann.

Tadzio

  • Tadzio wird als ca. 14-jähriger Knabe mit adliger polnischer Abstammung beschrieben.
  • Aschenbach himmelt ihn als wunderschön und "gottähnlich" an und interpretiert seine freundlichen Blicke als Liebe.
  • Tadzio spricht kein einziges Mal direkt mit Aschenbach.
  • Tadzio ist vermutlich eine Kurzform des polnischen Namen "Tadeusz".
  • Er wirkt wegen schlechter Zähne auf Aschenbach zart und etwas kränklich, weshalb er darauf schließt, dass Tadzio nicht alt werden wird.
  • Tadzio ist stets schick gekleidet, hat blasse Haut, graue Augen und lange blonde Locken.

Als Aschenbach den Jungen zum ersten Mal sieht, wird er so beschrieben:

Sein Antlitz, - bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war es von so einmalig-persönlichem Reiz, dass der Schauende weder in Natur noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben glaubte.1

Aschenbach vergleicht Tadzio mit einem Kunstwerk, denn der Junge erinnert ihn an eine antike Skulptur. Er bezeichnet ihn als "göttlich", wodurch seine Faszination für Tadzio deutlich wird.

Die Todesboten

Aschenbach begegnet insgesamt fünf namenlosen Figuren, die Todesboten darstellen. Diese sind:

  • der fremde Wanderer beim Spaziergang in München,
  • der Schiffskassierer auf dem Dampfer nach Venedig,
  • der falsche Jüngling auf dem Schiff,
  • der Gondoliere, der Aschenbach zum Lido bringt,
  • und der Straßensänger, dem er im Hotelgarten zuschaut.

Alle Todesboten haben rötliches Haar, eine eher schmächtige Gestalt und hinterlassen einen unheimlichen Eindruck. Der Wanderer, der Gondoliere und der Straßensänger haben zudem ein eher fremdländisches Äußeres. Auch der falsche Jüngling ist eine Ausnahmeerscheinung und wird von Aschenbach als lächerlich empfunden. Die Kleidung der namenlosen Figuren bzw. ihr Äußeres enthält zudem gelbe Elemente, z. B. die Zähne des falschen Jünglings oder der gelbliche Gurtanzug des Wanderers.

"Der Tod in Venedig" – Analyse

Obwohl es sich bei der Novelle um einen Prosatext handelt, fällt beim Lesen schnell auf, wie poetisch anspruchsvoll das Werk formuliert ist. Der Autor bemüht sich, seinen Erzähler genauso gebildet auftreten zu lassen, wie auch Gustav von Aschenbach beschrieben wird. Im Aufbau finden sich erneut Elemente der Antike, denn die Struktur ähnelt dem Aufbau eines griechischen Dramas.

"Der Tod in Venedig" – Analyse des Aufbaus

"Der Tod in Venedig" ist eine Novelle, die einen Ausschnitt aus dem Leben des Protagonisten Aschenbach darstellt.

Der Aufbau von "Der Tod in Venedig" kann mit einem Drama verglichen werden, da die fünf Kapitel des Werks mit den fünf Akten eines klassischen Dramas übereinstimmen und sie auch inhaltlich die Funktionen dieser Akte erfüllen.

Besonders ist jedoch, dass die Exposition erst im zweiten Akt nachgeschoben wird, da in diesem Abschnitt die Biografie vom Protagonisten Aschenbach näher beschrieben wird. Das erste Kapitel stellt dagegen schon die steigende Handlung dar, weil durch den Wanderer Aschenbachs Reiselust geweckt wird.

Im dritten Kapitel, das am umfangreichsten ist, reist Aschenbach nach Venedig und begegnet Tadzio. Dort erfährt die Handlung ihren Wendepunkt, als Aschenbach sich entschließt, in Venedig zu bleiben, um in Tazios Nähe sein zu können. Während der fallenden Handlung im vierten Kapitel beobachtet Aschenbach Tadzio sehr häufig und gesteht sich seine Liebe zu ihm ein. Im letzten Kapitel, das auch recht umfangreich ist, wird Aschenbachs Niedergang beschrieben: Er lässt sich verjüngen, obwohl er dies zuvor verurteilt hat und erfährt von der Cholera, an der er letztendlich vermutlich stirbt.

"Der Tod in Venedig" – Analyse der Sprache

Der Schreibstil von Thomas Mann ist meist sehr poetisch, bildlich, gehoben und anspruchsvoll. Auch in der Novelle "Der Tod von Venedig" äußert sich dies durch die zahlreich verwendeten Stilmittel wie die Onomatopoesie (Lautmalerei), Metaphern und Alliterationen. Die Stilmittel tragen zur anschaulichen Schilderung der Handlung, Atmosphäre und Aschenbachs Empfindungen bei. In diesem Auszug betrachtet er Tadzio:

Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll, aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger Schönheit den Menschen darstellte?1

"Standbild", "Spiegel" und "Schönheit" stellen eine Alliteration dar. "Aus der Marmormasse der Sprache" ist eine Metapher, da Aschenbach versucht, die richtigen Worte zu finden. Die Inversion "besonnener Leidenschaft voll" zeigt zudem, wie eindrucksvoll Aschenbach den Körper Tadzios findet.

Eine Metapher ist ein sprachliches Bild, bei dem eine Bedeutung aus einem Wortfeld in ein anderes übertragen wird. Bei einer Alliteration beginnen die aufeinanderfolgenden Wörter immer mit dem gleichen Laut. Eine Inversion ist die Umstellung der typischen Satzgliedstellung, die im Deutschen aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht.

Der Satzbau in der Novelle ist durch viele Hypotaxen, also Satzreihen geprägt. Dadurch klingt das Werk, obwohl es nicht in Versen verfasst ist, sehr rhythmisch. Ebenfalls typisch für Thomas Mann sind seine gehobene Wortwahl sowie die Verwendung von Fachbegriffen, veralteten oder fremden Wörtern oder auch Substantivierungen.

In diesem Zitat schildert der Erzähler Aschenbachs Gedanken:

Er liebte das Meer aus tiefen Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischen Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts.1

In diesem Auszug wird der hypotaktische Satzbau des Autors deutlich, da viele Nebensätze aneinandergereiht werden. Außerdem sind zahlreiche Substantive wie "Ruheverlangen" oder "Vielgestalt der Erscheinungen" zu finden, die den gehobenen Stil abbilden. Die vielen Adjektive wie "arbeitend" oder verführerisch" sind sehr bildlich. Außerdem sind auch Stilmittel wie die Metapher "Brust des Einfachen" oder die Alliteration "bergen begehrt" enthalten, die ebenfalls der Anschaulichkeit dienen.

Im folgenden Textauszug erblickt Aschenbach den fremden Wanderer während seines Spazierganges durch München. Er betrachtet die Inschriften der Grabsteine beim Steinmetz:

[...] der Wartende hatte während einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen Träumereien zurückkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann bemerkte, dessen nicht ganz gewöhnliche Erscheinung seinen Gedanken eine völlig andere Richtung gab.1

Ein Portikus ist eine Säulenhalle eines Gebäudes, die als Vorbau des Haupteingangs dient. Mit den apokalyptischen Tieren meint Mann in diesem Fall zwei Sphinxe mit Hahnenköpfen, die zur damaligen Zeit vor dem Eingangsportal des Nordfriedhofs in München zu finden waren.

Die zahlreichen Substantivierungen sind auch in diesem Beispiel auffällig. Durch Fachwörter wie "Portikus" oder den Verweis zu den "apokalyptischen Tieren", die ein berühmtes biblisches Motiv sind, wirkt der Sprachstil der Novelle so komplex.

"Der Tod in Venedig" – Erzählperspektive

Der Erzähler der Novelle erscheint als erfahren und hochgebildet, da er z. B. Fachwörter verwendet. Außerdem ist er auktorial und kommentiert sowie kritisiert Aschenbachs Handlungen. Durch verschiedene Erzählweisen unterstreicht Mann zudem besonders wichtige Gedanken oder Aussagen.

Der Erzähler

Die Erzählinstanz in "Der Tod in Venedig" ist auktorial. Ein auktorialer Erzähler wird auch als allwissender Erzähler bezeichnet. In Manns Novelle wird dies unter anderem dadurch deutlich, dass der Erzähler innere Gedankengänge der Figuren kennt und beschreibt. Außerdem beurteilt die Erzählinstanz das Geschehen durch Kommentare und Reflexionen. Im folgenden Zitat verurteilt der Erzähler durch die Fragen Aschenbachs Entschluss, Tadzios Familie nicht vor dem Ausbruch der Cholera zu warnen:

Das Bewusstsein seiner Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen Weines ein müdes Hirn berauschen. [...] Was war ihm das zarte Glück, von dem er vorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen? Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos? Er schwieg und blieb.1

Die Erzählinstanz redet von den "Vorteilen des Chaos" und verdeutlicht so, wie egoistisch Aschenbachs Entscheidung ist und wie sehr er nur auf seine eigenen Gefühle bedacht ist.

Manchmal wechselt der Erzähler auch in die personale Perspektive von Aschenbach, z. B. als er den fremden Wanderer betrachtet:

Offenbar war er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen ein Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden verlieh.1

In diesem Auszug stellt der Erzähler Vermutungen aus Aschenbachs Perspektive an, weiß also auch nicht mehr über den Wanderer als der Protagonist. "Bajuwarisch" ist ein alter Ausdruck für "bayrisch". Im Verlauf der Novelle entfernt sich der Erzähler jedoch zunehmend vom Protagonisten, indem er das Stilmittel der Antonomasie benutzt.

Die Antonomasie ist das Umbenennen oder Ersetzen eines Wortes durch ein charakteristisches Merkmal oder eine besondere Eigenschaft, die das Wort auch beschreibt.

Zu Beginn wird Aschenbach neutral oder sogar positiv betitelt, z. B. als "der Wartende" oder "der Erfolgreiche". Je mehr Aschenbach jedoch an Würde verliert, desto kritisierender und abwertender wird auch die Wortwahl der Erzählinstanz: Diese nennt ihn "den Heimgesuchten" oder "den unter der Schminke Fiebernden". Kurz vor Aschenbachs Tod nennt ihn der Erzähler "den Herabgesunkenen", was sich zum einen auf den bewusstlosen Zustand Aschenbachs und auch auf seinen Würdeverlust beziehen kann.

Eine weitere Besonderheit in "Der Tod in Venedig" sind die Selbstgespräche Aschenbachs, bei denen der Erzähler sich gelegentlich einmischt. Dieser interpretiert beispielsweise Aschenbachs Gedanken, so auch als Aschenbach sich nicht getraut hat, Tadzio anzusprechen:

Zu spät! dachte er in diesem Augenblick. Zu spät! Jedoch war es zu spät? Dieser Schritt, den zu tun er versäumte, er hätte sehr möglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer Ernüchterung geführt. Allein es war wohl an dem, dass der Alternde die Ernüchterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war.1

Auffällig ist, dass die Erzählinstanz Aschenbach als "der Alternde" bezeichnet. Dadurch wird die Verurteilung von Aschenbachs Handlung und auch dessen Niedergang angedeutet.

Die Erzählweise

Auch die Erzählweise in "Der Tod von Venedig" ist abwechslungsreich gestaltet: Oft nutzt Mann indirekte Rede und Beschreibungen, an manchen Stellen wechselt er aber zur direkten Rede. Dadurch wird der direkten Rede ein besonderer Stellenwert zuteil, denn sie bringt Lebhaftigkeit und Dynamik in die Novelle. Durch direkte Rede wird eine Interaktion zwischen den Figuren hervorgehoben, bei der der Erzähler in den Hintergrund tritt.

Ein Beispiel für die direkte Rede ist der aufdringliche Alte, der Aschenbach bedrängt:

Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt die Mundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubt sich empor. "Unsere Komplimente", lallt er, zwei Fingerspitzen am Munde, "unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem schönsten Liebchen..." Und plötzlich fällt ihm das falsche Obergebiss vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen.1

Durch die direkte Rede wird in diesem Auszug die besondere Aufdringlichkeit des betrunkenen Alten dargestellt. Außerdem antwortet Aschenbach ihm nicht, sondern möchte der Situation möglichst schnell entkommen, sodass das Gespräch einseitig bleibt.

Manchmal werden in "Der Tod in Venedig" sogar Gedanken durch Anführungszeichen gekennzeichnet, die dadurch als besonders hervorgehoben werden. Ein Beispiel ist seine Betrachtung von Tadzio:

Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht alt werden", dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine Fürsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte sein Herz.1

Durch die Anführungszeichen wird die Aufmerksamkeit der Lesenden besonders auf diesen Gedanken gelenkt.

Zudem verwendet Mann auch erlebte Rede, wodurch die Lesenden den Eindruck gewinnen, die Gedanken direkt von Aschenbach und nicht vom Erzähler zu erfahren.

Die erlebte Rede gibt die Gedanken und Gefühle von Figuren in der dritten Person wieder. Sie ist eine Erzählform zwischen direkter und indirekter Rede und gibt den Lesenden so einen Einblick in das Innenleben der Figuren.

Das folgende Zitat bezieht sich auf Aschenbachs Gondelfahrt zum Hotel, als der Gondolier einen anderen Weg einschlägt:

Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmäßigen, unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er übrigens ruhen durfte, wenn er sich nicht empörte. Hatte er nicht gewünscht, dass die Fahrt lange, dass sie immer dauern möge? Es war das Klügste, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und es war hauptsächlich höchst angenehm. 1

Besonders die rhetorischen Fragen wirken, als würde Aschenbach seine Gedanken direkt äußern. Da die Novelle aus Aschenbachs Perspektive geschildert wird, kommt die erlebte Rede ausschließlich bei ihm vor.

Thomas Mann – "Der Tod in Venedig"

Paul Thomas Mann lebte von 1875 bis 1955 und ist ein bedeutender deutscher Schriftsteller. Mann wuchs als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns mit einem älteren Bruder in Lübeck auf. Er erhielt eine neunjährige Schulbildung und bezeichnete seine Kindheit selbst als glücklich.

In den 1920er-Jahren wurde er zu einem starken Verfechter der Weimarer Republik. Dies veranlasste ihn, bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 Deutschland zu verlassen und in die Schweiz zu emigrieren. Dort verbrachte er auch die Jahre vor seinem Tod.

Die Weimarer Republik ist der erste deutsche demokratische Staat, der zwischen dem Ende der deutschen Monarchie 1918 und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bestand. Der Name stammt vom Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung: Weimar.

Gemeinsam mit seiner Frau Katharina Pringsheim hatte er sechs Kinder, von denen vier ebenfalls Schriftsteller wurden. Einige Tagebucheinträge und Briefe lassen jedoch darauf schließen, dass Thomas Mann insgeheim homosexuell war. Seine Sexualität auszuleben, gestaltete sich zu Manns Lebzeiten bedeutend schwerer als heutzutage, aber er brachte den Aspekt der Homosexualität in einigen seiner Figuren unter – auch in Gustav von Aschenbach aus "Der Tod in Venedig".

Thomas Mann selbst unternahm 1911 eine Reise nach Venedig, die ihn zu seinem Werk "Der Tod in Venedig" inspirierte. Weitere berühmte Werke von Thomas Mann sind z. B. seine Romane "Buddenbrooks" und "Der Zauberberg", weitere Novellen wie "Tonio Kröger" und "Tristan" sowie zahlreiche Essays zu politischen Themen.

"Der Tod in Venedig" – historischer Hintergrund

"Der Tod in Venedig" erschien nur ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918). Damals wurde das Deutsche Kaiserreich als konstitutionelle Monarchie von Wilhelm II. regiert. "Der Tod in Venedig" könnte daher die Dekadenz der Krisenjahre vor dem Ersten Weltkrieg widerspiegeln.


In der konstitutionellen Monarchie wird die Macht des Herrschers durch eine Verfassung eingeschränkt.

Vermutlich handelt die Novelle in diesem Zeitraum der Krisenjahre:

Gustav Aschenbach [...] hatte an einem Frühlingsnachmittag des Jahres 19…, das unserem Kontinent monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, [...] einen weiteren Spaziergang unternommen.1

Dieser Verweis der Erzählinstanz bezieht sich vermutlich auf die Marokkokrise, bei der 1911 französische Truppen in Marokko einmarschierten. Zuvor kämpften Deutschland und Frankreich, weshalb das Deutsche Reich als Reaktion ein Kanonenboot nach Marokko schickte. Das Ziel war es, dass Frankreich Kolonialgebiete an das Deutsche Reich abtritt. Im Gegenzug würde das Deutsche Reich Frankreich die Vorherrschaft in Marokko überlassen. Schließlich wurde der Konflikt friedlich geregelt: Im Marokko-Kongo-Vertrag verzichtete das Deutsche Reich auf seine Ansprüche in Marokko und erhielt dafür Neu-Kamerun, ein Teil des französischen Kolonialgebietes.

Im Jahr 1900 erschien zudem Sigmund Freuds "Die Traumdeutung", wodurch seine Theorie der Psychoanalyse bekannt wurde. In dieser Theorie beschreibt Freud, dass Menschen wichtige Informationen über unbewusste Erlebnisse in ihren Träumen verarbeiten. Dies geschieht Aschenbach in seinem Traum vom fremden Gott.

"Der Tod in Venedig" – Epoche

"Der Tod in Venedig" entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stand dabei unter dem Einfluss der Strömungen des Ästhetizismus sowie des Neoklassizismus.

Beim Ästhetizismus stand vor allem "das Schöne" im Vordergrund. Die Kulisse der Stadt Venedig und vor allem dessen Präsentation hinterlässt bei der Leserschaft in erster Linie ästhetische Eindrücke. Vermutlich wurde Thomas Mann durch seine eigene Venedig-Reise zu diesen Beschreibungen inspiriert. Auch die besonders schön beschriebene Darstellung des Knaben Tadzio zeigt den Einfluss dieser Strömung.

Außerdem zeichnet sich das Werk durch einen gehobenen Sprachstil aus und die Novelle folgt einer sehr klaren Struktur. Wie bereits erwähnt, erinnert der Aufbau an die klar eingeteilten Akte eines Dramas. Diese Aspekte sprechen für den Einfluss der Strömung des Neoklassizismus, die Merkmale und Stile der Weimarer Klassik (1786–1832) wieder aufleben ließ. Zudem wurden in dieser Epoche auch Merkmale der Antike und die antiken Götter wieder thematisiert, was ebenfalls in Manns Novelle vorkommt.

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"Der Tod in Venedig" – Interpretation

"Der Tod von Venedig" bietet viele verschiedene Interpretationsansätze, die sich auf die antike Mythologie oder auch auf Manns Leben beziehen.

Der Verfall Aschenbachs

Das gesamte Werk "Der Tod in Venedig" schildert den Verfall und Würdeverlust des Protagonisten Aschenbach. Während Aschenbach zu Beginn angesehen war und Werte wie Moral und Anstand gewahrt hat, entfernt er sich mit der Liebe zu Tadzio immer weiter davon. Er träumt von einer erotischen Beziehung zu dem Jungen und deutet dessen Verhalten als Erwiderung seiner Gefühle. Zum Ende wird er egoistisch, denn er verschweigt der polnischen Familie den Cholera-Ausbruch und versucht durch eine Verjüngung Tadzio für sich zu gewinnen. Der Tod Aschenbachs, der bereits im Titel angedeutet wird, ist unausweichlich und wird besiegelt, als Aschenbach sich gegen eine Abreise aus Venedig entscheidet.

Homosexualität

Neben dem moralischen Tabu, dass Aschenbach sich in den minderjährigen Tadzio verliebt, greift "Der Tod in Venedig" auch das Thema Homosexualität auf, was einen persönlichen Bezug zu Thomas Mann herstellt. Vermutlich war auch er homosexuell, jedoch lebte er dies wie seine Figur Aschenbach nie aus. Außerdem war auch Thomas Mann mit 46 Jahren in Venedig im Urlaub, also in einem ähnlichen Alter wie Aschenbach mit ca. 50 Jahren. Dort sah Mann nach Angaben seiner Frau wie auch Aschenbach einen polnischen Jungen, der ihn faszinierte.

Anfang des 20. Jahrhunderts stand Homosexualität unter Strafe und war gesellschaftlich nicht akzeptiert. Daher baut Mann Anspielungen auf die griechische Antike ein, um sich zu rechtfertigen. In der altgriechischen Kultur war Homosexualität eine Sünde, aber keine Straftat, sodass sie auch ausgelebt wurde.

Bezüge zur griechischen Mythologie

In "Der Tod in Venedig" sind zahlreiche Anspielungen auf die griechische Mythologie eingebaut. In der Figur Aschenbachs vereinen sich die gegensätzlichen Charaktere der Götter Apollo und Dionysos.

Apollo ist als Gott des Lichts, des Frühlings und der Künste sowie der sittlichen Reinheit und Mäßigung bekannt. Dionysos ist dagegen der Gott des Weins, der Freude, des Wahnsinns und der Fruchtbarkeit. Er wird mit Ekstase und Rausch assoziiert, womit auch oft ein Verlust der persönlichen Identität verknüpft wird.

Während Aschenbach von der Seite seines Vaters die Disziplin und Selbstbeherrschung, für die Apollo steht, übernommen hat, öffnet er sich durch seine Mutter und die Eigenschaften von Dionysos immer mehr gegenüber dem Irrationalen und fällt in einen Liebesrausch gegenüber Tadzio. Dies führt zu seinem Würdeverlust und letztendlich zu seinem Tod, weil er sich gegen eine Abreise aus Venedig entscheidet, um bei Tazio zu bleiben.

Dieses dionysische Prinzip findet sich auch in einem Traum Aschenbachs, kurz nachdem er sich entscheidet, Tadzios Familie zu verschweigen, dass die Cholera ausgebrochen ist: Aschenbach träumt, er sei bei dem "fremden Gott" und seinem Gefolge, die lärmend Chaos verbreiten. Er erkennt die Berge der Umgebung, die denen bei seinem Sommerhaus gleichen.

Aschenbach verfällt diesem "fremden Gott", der Dionysos verkörpert, d. h. er reiht sich in dessen Gefolge ein und lässt sich vom Chaos mitreißen. Schließlich wacht er erschöpft auf.

Kunst und Bürgertum

Den Zwiespalt zwischen Kunst und Bürgertum verarbeitet Mann in vielen seiner Werke. Aschenbach ist ein Schriftsteller und hat sich damit beruflich der Kunst verschrieben. Nur aufgrund seines bürgerlichen Lebens und seiner Disziplin konnte er zu einer Ausnahmeerscheinung werden.

Außerdem ist er ein Kunstliebhaber, weshalb er in Tadzio auch eine Kunstfigur sieht. Andererseits sind Aschenbach zu Beginn die bürgerlichen Werte wie Tugend, Moral, Fleiß und Disziplin wichtig, von denen er sich im Laufe seines Verfalls immer weiter entfernt. Auch hier wird wieder die Verbindung von Aschenbachs Eigenschaften mütterlicher- und väterlicherseits aufgegriffen.

"Der Tod von Venedig" – Motive

Viele der Motive in "Der Tod in Venedig" greifen die Interpretation von Aschenbachs Verfall auf und deuten auf seinen Tod hin.

Das Todesmotiv

Neben verschiedenen Todesboten kündigt auch der Titel "Der Tod in Venedig" bereits das Lebensende Aschenbachs an. Schon zu Beginn führt Aschenbachs Spaziergang auf den Nordfriedhof in München, wo er schließlich den fremden Wanderer als ersten Todesboten sieht. Dieser erweckt einen merkwürdigen und unheimlichen Eindruck und prägt so die unheilvolle Atmosphäre.

Der Tod bildet das zentrale Leitmotiv in der Novelle und wird daher durch rhetorische Stilmittel oder andere Motive aufgegriffen und angekündigt. Auch die Krankheit Aschenbachs ist ein Vorbote seines Todes.

Im Kontrast dazu stehen das Leben und die Lebensfreude, die Aschenbach durch sein Schwärmen für Tadzio erlebt. Allerdings wird auch Tadzio mit dem Todesmotiv verbunden, als der Erzähler ihn am Ende kurz vor Aschenbachs Tod als "Psychagog" bezeichnet: So wird auch der Götterbote Hermes genannt, der in der griechischen Mythologie die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt begleitet.

Die Stadt Venedig

Venedig steht in der Novelle für zwei Gegensätze: Zum einen ist Venedig die Stadt des Karnevals, des Lebens, der Liebe und Musik und gerade deswegen ein beliebtes touristisches Ziel. Auch Aschenbach erkundet in seinen Spaziergängen das Leben und die schöne Architektur in der Stadt und lauscht der Straßenmusik.

Andererseits hat Venedig auch eine dunkle Seite: Die Stadt symbolisiert den Verfall, die Dekadenz und Melancholie. Dies wird beispielsweise durch den Cholera-Ausbruch dargestellt, der die Stadt verunreinigt und Chaos ausbrechen lässt.

Der Begriff "Dekadenz" kommt aus dem Französischen und heißt Niedergang oder Verfall. Als Dekadenz wird die negative Veränderung einer Gesellschaft und deren kultureller Verfall bezeichnet.

Doch Aschenbachs persönlicher Verfall lässt sich an der Veränderung der Stadt mit Ausbreitung der Epidemie vergleichen. Zu Beginn zeigt sich Aschenbach während der Schifffahrt begeistert von Venedig:

So sah er [...] jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, [...] die leichte Herrlichkeit des Palastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw' und Heiligem am Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, den Durchblick auf Torweg und Riesenuhr.1

Am Ende wird Venedig hingegen als dreckig beschrieben und mit Aschenbachs Gefühlen für Tadzio verbunden:

So empfand Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit über die obrigkeitlich bemäntelten Vorgänge in den schmutzigen Gässchen Venedigs, - dieses schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war.1

In diesem Auszug wird die düstere und unheimliche Atmosphäre der Stadt erneut hervorgehoben.

1911, als Mann an "Der Tod in Venedig" arbeitete, gab es wirklich einen Cholera-Ausbruch in Venedig. Die Assoziation mit der Dekadenz ist allerdings wesentlich älter, z. B. erinnerten schon Goethe die schwarzen Gondeln an Särge.2

Das hässliche Alter und die schöne Jugend

Tadzios Jugend und äußere Schönheit werden von Aschenbach regelrecht vergöttert. Durch ihn wird Aschenbach zum Schreiben angeregt und möchte diese Schönheit Tadzios auch in der Kunst verarbeiten. Er schreibt einen kurzen Prosatext, in dem er die optischen Merkmale Tadzios aufnimmt. Dies ist eine Parallele zu Thomas Manns Leben, denn auch seine Beschreibung Tadzios basiert auf einem Jungen, der ihn im Urlaub faszinierte.

Das Alter betrachtet Aschenbach dagegen als abstoßend, z. B. verurteilt er den "falschen Jüngling", dem er auf dem Schiff begegnet. Dieser ist geschminkt, hat gefärbte Haare und trägt jugendliche Kleidung, dennoch deuten seine Falten und das Gebiss auf sein Alter hin. Später lässt sich Aschenbach sogar selbst beim Friseur verjüngen, um für den jungen Tadzio attraktiver zu erscheinen. Dies ist ein Hinweis auf den Verlust seiner Würde und den zunehmenden Verfall Aschenbachs, da er seine eigenen Ideale vernachlässigt, um einen Jungen zu beeindrucken.

Das Meer und das Wetter

Aschenbach fährt ans Meer, weil er sich nach Ruhe und Erholung sehnt. Er fühlt sich mit dem Meer verbunden, weil es wie er zwei gegensätzliche Charaktereigenschaften besitzt: Es vereint Ruhe und Unendlichkeit, gleichzeitig aber auch Unordnung und Risiko, das Aschenbach durch seine Liebe zu Tadzio eingeht. Zudem bedeutet das Meer auch Ewigkeit und im Christentum beschreibt diese das Leben nach dem Tod.

Ein weiteres Leitmotiv ist das Wetter, das meist mit dem Gefühlszustand Aschenbachs im Einklang steht. Bereits zum Anfang wird es in München ungewöhnlich beschrieben:

Es war Anfang Mai und, nach naßkalten Wochen ein falscher Hochsommer eingefallen.1

Doch auch in Venedig gefällt das schwüle Wetter Aschenbach nicht, denn er bekommt Fieber und Kopfschmerzen. Schließlich beabsichtigt er aufgrund des Wetters sogar abzureisen, bleibt aber wegen Tadzio.

Nachdem Aschenbach beim Friseur war, bekommt ihm die Wetterlage noch schlechter:

Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spärlich, aber die Luft war feucht, dick und von Fäulnisdünsten erfüllt.1

So wie Aschenbachs Gefühle wird auch das Wetter immer unberechenbarer. Die zunehmende Verschlechterung spiegelt Aschenbachs zunehmenden Verfall. Vermutlich wird das Wetter auch den Cholera-Ausbruch begünstigt haben, der Aschenbach das Leben kostet. Kurz bevor er stirbt, ändert sich das Wetter erneut: Aus der vorherigen Hitzewelle wird ein eher herbstliches Klima, das den Lebensabend Aschenbachs ankündigt.

Die Farben Rot und Gelb

Die Farbe Gelb steht als Symbol für den "biologischen Verfall" der mit zunehmendem Alter einhergeht. Beispielsweise ist das Gebiss des falschen Jünglings gelb und auch der Schiffskassierer hat gelbe Finger. Die anderen Todesboten sind z. T. in Gelb gekleidet und weisen so auf das Lebensende Aschenbachs hin.

Rot steht in "Der Tod in Venedig" für den nahenden Tod, kann also als Warnfarbe aufgefasst werden. Einige der Todesboten, z. B. der fremde Wanderer haben rote Haare bzw. rötliche Brauen und als Aschenbach dem Straßensänger zuhört, trinkt er rote Granatapfelschorle. Der Granatapfel steht in der griechischen Mythologie für die Götter der Unterwelt und ist somit ein Todessymbol.

Gleichzeitig wird die Farbe Rot auch mit Liebe und Erotik verknüpft: Aschenbach trägt beispielsweise eine rote Krawatte nach seiner Verjüngung und als er Tadzio das letzte Mal sieht, trägt dieser eine rote Schleife. Auch die roten vollreifen Erdbeeren, die Aschenbach im Urlaub frühstückt, als er Tadzio am Strand zusieht, stehen für die Leidenschaft zu dem Jungen.

Als Aschenbach dagegen am Ende der Novelle die überreifen Erdbeeren vom Straßenstand isst, sind diese wiederum ein Todessymbol, da die ungewaschenen Früchte ihn vermutlich mit der für ihn tödlichen Cholera-Krankheit infiziert haben.

Der Tod in Venedig – Das Wichtigste

  • In Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" von 1912 geht es um den Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der sich auf einer Venedig-Reise heimlich in den Jungen Tadzio verliebt. Auf seinem Weg begegnen ihm fünf "Todesboten", die wie auch der Titel der Novelle auf Aschenbachs Tod hinweisen.
  • Der Aufbau der Novelle erinnert durch seine Struktur in fünf Kapiteln an ein klassisches Drama, allerdings beginnt "Der Tod in Venedig" mit der steigenden Handlung und einer nachgeschobenen Exposition.
  • Der Sprachstil ist gehoben, poetisch, hypotaktisch und durch viele Stilmittel geprägt. Außerdem verwendet Mann viele Motive, die auf Aschenbachs Verfall hindeuten.
  • Es gibt einen auktorialen (allwissenden) Erzähler, der manchmal auch personal aus Aschenbachs Perspektive berichtet.
  • Das Werk ist durch die Strömungen des Ästhetizismus und Neoklassizismus geprägt.
  • Mann verarbeitet in seiner Novelle seine eigenen Eindrücke eines Venedig-Urlaubs, seine heimliche Homosexualität und den Zwiespalt zwischen Kunst und Bürgertum.

Nachweise

  1. Thomas Mann (1967). Der Tod in Venedig. Fischer-Taschenbuch-Verlag.
  2. Gazzettadinittardi.com: Venedig und der Dekadenzmythos um 1900 (02.09.2022)

Häufig gestellte Fragen zum Thema Der Tod in Venedig

Auch wenn die Struktur von "Der Tod in Venedig" durch seine fünf Kapitel dem Aufbau eines Dramas ähnelt, handelt es sich um eine Novelle. 

Der Tod in Venedig von 1912 stand vor allem unter dem Einfluss der Strömungen der Ästhetik und des Neoklassizismus.

Die Erzählung beginnt in München und begleitet den Protagonisten auf seiner Reise über Triest nach Venedig. Venedig ist dabei der Hauptschauplatz.

Die Novelle "Der Tod in Venedig" endet mit dem Tod des Protagonisten Gustav von Aschenbach an einem Strand in Venedig.

Finales Der Tod in Venedig Quiz

Frage

Zu welcher Textart gehört "Der Tod in Venedig"?

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Antwort

"Der Tod in Venedig" ist eine Novelle.

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Frage

Warum wird "Der Tod in Venedig" oft mit einem Drama verglichen?

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Antwort

"Der Tod in Venedig" wird oft mit einem Drama verglichen, weil der Aufbau und Handlungsverlauf einem fünfaktigem Drama ähnelt.

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Frage

Worum geht es in "Der Tod in Venedig"?

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Antwort

Es geht um den mittelalten Witwer Gustav Aschenbach, der sich sein Leben lang seiner Arbeit, also dem Schreiben gewidmet hat und nun eine Reise nach Venedig unternimmt. Dort verliebt er sich in einen Jungen namens Tadzio.

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Frage

Wer ist Tadzio?

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Antwort

Tadzio ist ein 14-jähriger polnischer Junge, dem Aschenbach im Hotel in Venedig begegnet. Aschenbach verliebt sich in ihn.

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Frage

Beschreibe das Verhältnis zwischen Aschenbach und Tadzio.

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Antwort

Aschenbach ist überwältigt von Tadzios Schönheit. Er folgt ihm und beobachtet ihn. Sie tauschen Blicke aus, sprechen aber nicht miteinander. Aschenbach verliebt sich in den Jungen und begehrt ihn.

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Frage

Ist "Der Tod in Venedig" lyrisch oder prosaisch geschrieben?

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Antwort

prosaisch

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Frage

Welche Merkmale treffen auf den Schreibstil in "Der Tod in Venedig" zu?

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Antwort

hypotaktisch

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Frage

Was für einen Erzähler gibt es in "Der Tod in Venedig"?

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Antwort

Der Erzähler ist auktorial (allwissend), kann aber auch in die personale Perspektive Aschenbachs wechseln.

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Frage

Unter dem Einfluss welcher Strömungen wurde "Der Tod in Venedig" geschrieben?

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Antwort

Neoklassizismus

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Frage

Durch welche Elemente wird das Motiv des Todes aufgegriffen?

Antwort anzeigen

Antwort

Das Motiv des Todes wird durch folgende Elemente aufgegriffen:

  • die Verbreitung der Cholera und den daraus folgenden Tod des Protagonisten,
  • die 5 Todesboten,
  • der Nachname der Protagonisten (Aschenbach),
  • der Titel "Der Tod in Venedig",
  • die Farbsymbolik von rot und gelb.

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Frage

Welchen Bezug hatte Thomas Mann zu Venedig?

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Antwort

Thomas Mann unternahm selbst 1911 eine Reise nach Venedig, die ihn zu seiner Novelle inspirierte.

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Frage

Welche Motive werden in "Der Tod in Venedig" thematisiert?

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Antwort

Tod

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Frage

Welche Rolle spielt das Wetter in "Der Tod in Venedig"?

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Antwort

Das Wetter ist ein Leitmotiv der Novelle und spiegelt Aschenbachs Gefühle und innere Stimmung wider.

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