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Mit Haut und Haar

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Mit Haut und Haar

Seit Jahrtausenden inspiriert die Liebe Dichterinnen und Dichter dazu, ihre eigenen Erfahrungen lyrisch zu verarbeiten. Neben Schmetterlingen im Bauch können Liebesbeziehungen jedoch auch gefährlich werden. So können z. B. eigene Bedürfnisse vernachlässigt und zweitrangig werden, während die Liebesbeziehung priorisiert wird.

Das Gedicht "Mit Haut und Haar" der Schriftstellerin Ulla Hahn wurde im Jahre 1981 veröffentlicht. Innerhalb von vier Strophen thematisiert das lyrische Ich eine Liebesbeziehung zu einer unbekannten Person. Diese Beziehung mündet in der vollkommenen Selbstaufgabe des lyrischen Ichs und einem daraus resultierenden Identitätsverlust.

Das lyrische Ich ist die Sprecherin oder der Sprecher eines Gedichts. Dabei handelt es sich um eine fiktive, von der Autorin oder dem Autor erfundene Stimme, die dem Lesenden ihre Gedanken und Gefühle mitteilt. Die Person des lyrischen Ichs bleibt meist unbekannt und ist fiktiv.

Das Gedicht "Mit Haut und Haar"

Das Gedicht "Mit Haut und Haar" (1981) von Ulla Hahn besteht aus insgesamt vier Strophen. Die ersten drei Strophen bestehen aus jeweils vier Versen, die vierte Strophe aus zwei Versen.

Als Strophe wird ein Abschnitt in einem Gedicht bezeichnet. Strophen werden durch Absätze voneinander getrennt und bestehen aus mehreren Versen. Ein Vers entspricht einer Zeile eines Gedichts.

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahreund tauchte dich in meinen Sommer einich leckte dir die Hand und Haut und Haareund schwor dir ewig mein und dein zu sein.Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichenmit sanftem Feuer in das dünne Fell.Da ließ ich von mir ab. Und schnellbegann ich vor mir selbst zurückzuweichenund meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnernein schöner Überrest der nach mir rief.Da aber war ich schon in deinem Innernvor mir verborgen. Du verbargst mich tiefBis ich ganz in dir aufgegangen war:da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.1

Die Inhaltsangabe des Gedichts "Mit Haut und Haar"

Innerhalb der vier Strophen des Gedichts wird die Zuneigung des lyrischen Ichs in direkter Ansprache an eine unbekannte Person thematisiert, wobei das lyrische Ich zudem seine Hingabe und die gleichzeitige Aufgabe seiner Selbst in dieser Beziehung thematisiert.

In der ersten Strophe thematisiert das lyrische Ich eine innige Verbundenheit zu der Person, die es anspricht: "Aus der Senke [der] Jahre"1 gezogen, schaffte es das lyrische Ich, diese Person in seinen Sommer eintauchen zu lassen. Ferner "leckte"1 es dieser Person "die Hand und Haut und Haare"1, bis es schließlich einen Schwur ablegte, nämlich den Schwur, "ewig mein und dein zu sein"1.

Der Begriff "Senke" beschreibt eine flache Vertiefung in einem Boden.

In der zweiten Strophe steht die innige Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der unbekannten Person an einem Wendepunkt. So spricht das lyrische Ich davon, dass jene Person es umgewendet und ihr/ihm ein Zeichen verpasst habe: "Mit sanftem Feuer [brannte es dieses Zeichen] in das dünne Fell"1 des lyrischen Ichs. Das Ergebnis dieses Brandmales war, dass das lyrische Ich von sich selbst abgelassen und "vor [sich] selbst zurückzuweichen"1 begonnen habe.

In der dritten Strophe erzählt das lyrische Ich von einem Schwur, den es sich selbst gegenüber abgelegt habe und vor dem es ebenfalls zurückgewichen sei. Während es sich anfangs noch an diesen Schwur erinnerte und einen "schöne[n] Überrest"1 sah, ist das lyrische Ich hier bereits tief im "Innern"1 der unbekannten Person "verborgen"1.

Die vierte Strophe beendet das Gedicht mit dem vollständigen Aufgehen des lyrischen Ich in der Person, die es unmittelbar anspricht. Schließlich habe diese Person das lyrische Ich "mit Haut und Haar"1 ausgespuckt.

Die Analyse von "Mit Haut und Haar"

Die Analyse des Gedichts "Mit Haut und Haar" umfasst den Aufbau des Gedichts, darunter Reimschema und Metrum, sowie die Sprache des Gedichts, zu der u. a. die rhetorischen Stilmittel gehören.

Der Aufbau des Gedichts "Mit Haut und Haar"

Das Gedicht "Mit Haut und Haar" kann keiner bestimmten Gedichtart zugeordnet werden. Allerdings kann das Gedicht thematisch der Liebeslyrik zugeordnet werden.

Unter dem Begriff "Gedichtart" wird die Form eines Gedichts verstanden. Gedichte können anhand bestimmter Eigenschaften verschiedenen Gedichtformen zugeordnet werden. Die Eigenschaften, die die Gedichtform vorgibt, können etwa das Versmaß, das Reimschema oder die Vers- und Strophenzahl sein. Ein Beispiel für eine Gedichtart ist das Sonett. Merkmal des Sonetts ist sein strenger Aufbau in Form von zwei Strophen mit je vier Versen und zwei Strophen mit je drei Versen.

Lyrische Werke können thematisch voneinander unterschieden werden. Neben der Liebeslyrik gibt es die Gedankenlyrik und die Erlebnislyrik. Werke, die der Liebeslyrik zugeordnet werden, thematisieren Gefühle und Stimmungen des lyrischen Ichs.

Sieh Dir doch die Erklärung "Lyrik Arten" auf StudySmarter an, wenn Du mehr über die verschiedenen Gedichtformen erfahren möchtest!

Das Reimschema des Gedichts "Mit Haut und Haar"

Die vier Strophen des Gedichts verfügen über unterschiedliche Reimschemata. In der ersten und dritten Strophe lässt sich ein Kreuzreim mit dem Reimschema "abab" identifizieren.

Der Kreuzreim ist eine Reimform, bei der sich das letzte Wort des Verses einer Strophe auf das letzte Wort des übernächsten Verses reimt. Er wird deshalb auch Wechselreim genannt. Bei einer vierzeiligen Strophe würde das Reimschema "abab" lauten, bei einer sechszeiligen Strophe "ababab".

Dieses Reimschema kannst Du beispielhaft anhand der ersten Strophe des Gedichts erkennen:

a Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre

b und tauchte dich in meinen Sommer ein

a ich leckte dir die Hand und Haut und Haare

b und schwor dir ewig mein und dein zu sein.1

Bei diesem Reimschema reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("Jahre") auf das letzte Wort des dritten Verses ("Haare"). Ebenso reimt sich das letzte Wort des zweiten Verses ("ein") auf das letzte Wort des vierten Verses ("sein").

In der zweiten Strophe lässt sich ein umarmender Reim mit dem Reimschema "abba" ausmachen.

Ein umarmender Reim besteht aus zwei Reimpaaren innerhalb einer Strophe. Dabei umschließt ein Reimpaar das andere, weshalb der umarmende Reim auch umschließender Reim genannt wird. Ein Reimpaar bildet sich im ersten und vierten Vers sowie im zweiten und dritten Vers. Das Reimschema lautet daher "abba".

a Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen

b mit sanftem Feuer in das dünne Fell.

b Da ließ ich von mir ab. Und schnell

a begann ich vor mir selbst zurückzuweichen

In dieser Strophe reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("Zeichen") auf das letzte Wort des vierten Verses ("zurückzuweichen") sowie das letzte Wort des zweiten Verses ("Fell") auf das letzte Wort des dritten Verses ("schnell").

In der vierten Strophe lässt sich hingegen ein Paarreim mit dem Reimschema "aa" ausmachen.

Der Paarreim ist eine Reimform, bei der sich immer zwei direkt aufeinanderfolgende Verse aufeinander reimen. Demnach reimen sich der erste und zweite Vers sowie der dritte und vierte Vers einer Strophe. In einer vierzeiligen Strophe würde das Reimschema "aabb" lauten, in einer zweizeiligen Strophe "aa".

a Bis ich ganz in dir aufgegangen war:

a da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.

Bei diesem Reimschema reimt sich das letzte Wort des ersten Verses ("war") auf das letzte Wort des zweiten Verses ("Haar").

Das Metrum des Gedichts "Mit Haut und Haar"

Bei dem Metrum des Gedichts "Mit Haut und Haar" handelt es sich um einen fünfhebigen Jambus. In allen vier Strophen kann das Metrum des Jambus identifizieren werden, dies bedeutet, dass die erste Silbe eines Versfußes unbetont und die zweite Silbe betont ist.

Als Versfuß wird die kleinste rhythmische Einheit eines Verses verstanden. Diese besteht aus einer Reihung von betonten und unbetonten Silben. Unterschiedliche Abfolgen von betonten und unbetonten Silben sind möglich und ergeben unterschiedliche Metren.

Das Metrum (auch Versmaß genannt) beschreibt den klanglichen Aufbau eines Gedichts und gibt Auskunft über die Struktur und den Rhythmus eines Gedichts. Für die Bestimmung des Metrums muss die Abfolge von Hebungen und Senkungen in einem Gedicht betrachtet werden. Betonte Silben werden als Hebungen, unbetonte Silben als Senkungen bezeichnet.

Für mehr Informationen über die verschiedenen Metren, sieh Dir die Erklärung "Metrum" auf StudySmarter an!

Den fünfhebigen Jambus erkennst Du beispielhaft anhand des ersten Verses des Gedichts:

Ich zog dich aus der Sen-ke dei-ner Jah-re

x X x X x X x X x X x

Das große "X" markiert die jeweils eine Hebung", das kleine "x" markiert jeweils eine Senkung. Wenn Du diesen Vers laut liest, kannst Du auch anhand Deiner Betonung erkennen, was mit "Hebung" und "Senkung" gemeint ist.

Die Sprache des Gedichts "Mit Haut und Haar"

Im Gedicht "Mit Haut und Haar" können verschiedene rhetorische Stilmittel identifiziert werden.

Metapher

In der ersten Strophe kann eine Metapher ausgemacht werden. Das lyrische Ich gibt an, dass es die unbekannte Person "in [s]einen Sommer" (V. 2) eingetaucht habe. Dieser Sommer kann als Metapher für das jugendliche Dasein und die wachen Jahre des lyrischen Ich gedeutet werden. Schließlich ist der Sommer die wärmste und hellste Jahreszeit – mit ihm geht die Blüte des Lebens einher.

Die Metapher ersetzt den eigentlich gemeinten Begriff durch einen anderen sprachlichen Ausdruck – ein sprachliches Bild – und überträgt dabei eine Bedeutung. Möchtest Du mehr über die Metapher erfahren, sieh Dir gerne die Erklärung "Metapher" auf StudySmarter an.

Eine Metapher ist ebenso in der zweiten Strophe zu finden, in der das lyrische Ich die Begriffe "sanfte[s] Feuer" (V. 6) verwendet. Das Feuer kann als Metapher für die Handlungsabsicht der unbekannten Person stehen – diese Absicht könnte sich auf Verschiedenes beziehen. Anzunehmen ist jedoch, dass dieses Feuer bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen dieser Person verkörpert. Dass diese Handlungen negativen Einfluss auf das lyrische Ich ausgeübt haben, ist deshalb zu vermuten, weil das Nomen "Feuer" als Zustand der Verbrennung auf diese Negativität verweist.

Klimax

Eine Klimax ist ein Stilmittel, das durch Steigerung erfolgend einen Höhepunkt beschreibt. Ein solcher Höhepunkt kann in der ersten Strophe ausgemacht werden. Dabei gibt das lyrische Ich über drei Zeilen hinweg an, was es für die unbekannte Person alles getan habe. Dies mündet schließlich in der vierten Zeile in einem Schwur des lyrischen Ich: "und schwor dir ewig mein und dein zu sein" (V. 4).

Das Wort "Klimax" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie "Leiter" oder "Stufe". Diese wörtliche Bedeutung überträgt sich auch auf die Funktion der Klimax: Durch die Klimax drückt man die Steigerung von Wörtern, Satzteilen oder sogar ganzen Sätzen aus.

Die Steigerung erfolgt in Stufen meist vom schwächsten zum stärksten Ausdruck. Allerdings kann die Steigerung auch nach der Wichtigkeit der Begriffe erfolgen. Das Wort, welches am höchsten gestellt ist, wird auch als "Höhepunkt" bezeichnet, was ein anderes Wort für Klimax ist.

Möchtest Du mehr über die Klimax erfahren, sieh Dir gerne die Erklärung "Klimax" auf StudySmarter an.

Mithilfe des Stilmittels "Klimax" hebt das lyrische Ich seine/ihre Aufopferung gegenüber der unbekannten Person hervor und verdeutlicht dabei die Intensität dieser Aufopferung. Hierdurch erhalten die Lesenden den Eindruck, dass sich das lyrische Ich der unbekannten Person vollständig hingibt.

Euphemismus und Oxymoron

In der zweiten Strophe des Gedichts können zwei Stilmittel gleichzeitig identifiziert werden: der Euphemismus und das Oxymoron:

"mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6)

Ein Euphemismus bezeichnet eine Formulierung, die Personen, Gegenstände oder Sachverhalte beschönigt oder verhüllt. Man kann Euphemismen daher auch als Glimpfwörter, Beschönigungen, oder Hüllwörter bezeichnen. Euphemismen können verschieden interpretiert werden und sind oft erst im Kontext erkennbar. Sie können als Aufwertungen, Milderungen oder Verhüllungen verwendet werden.

Ein Oxymoron hingegen ist die Kombination aus zwei sich logisch widersprechenden oder in ihrer Bedeutung gegensätzlichen Begriffen. Ein Oxymoron kann Gegensätze vereinen und damit die Mehrdeutigkeit einer Situation hervorheben sowie die Aufmerksamkeit von Lesenden erregen. Durch den Einsatz unerwarteter Gegensatzpaare animieren Oxymora zudem zum Nachdenken.

In dem Gedicht "Mit Haut und Haar" beziehen sich diese beiden Stilmittel auf den angedeuteten Wendepunkt, der sich in der Beziehung des lyrischen Ich mit der unbekannten Person vollzieht. So gibt das lyrische Ich an, dass diese Person ihm ein "Zeichen" (V. 5) "mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6) eingebrannt habe.

Hierbei wird das Nomen "Feuer", dem im Kontext der Verbrennung eine starke, zerstörerische Bedeutung zukommt, mit dem Adjektiv "sanft" kombiniert, wodurch es in seiner Bedeutung gemildert oder abgeschwächt wird. Der Euphemismus wird hier folglich in Zusammenhang mit dieser Milderung verwendet: Er mildert die Absicht derjenigen Person, die im Kontext des Feuers steht, indem das lyrische Ich angibt, dass jene Person ihm das Zeichen "sanft" (V. 6) in "das dünne Fell" (V. 6) gebrannt habe.

Gleichzeitig wird durch das rhetorische Stilmittel des Oxymorons der Widerspruch der beiden Begriffe "sanfte[s] Feuer" (V. 6) hervorgehoben. Durch diesen Widerspruch werden Lesende dazu angeregt, die Absichten des lyrischen Dus zu hinterfragen: Möchte es dem lyrischen Ich etwas Gutes oder Schlechtes? Ist es sich über ihre/seine Wirkung auf das lyrische Ich bewusst?

Im Abschnitt "Die Interpretation von 'Mit Haut und Haar'" dieser Erklärung erfährst Du mehr über die

Die Interpretation von "Mit Haut und Haar"

Anhand der folgenden Interpretationsansätze kannst Du die Bedeutung des Gedichts "Mit Haut und Haar" erschließen.

Das Gedicht "Mit Haut und Haar" thematisiert die Aufgabe der eigenen Identität seitens des lyrischen Ichs, die durch eine Liebesbeziehung erfolgt. Dabei verweist der Titel bereits auf die Hingabe, die das lyrische Ich in dieser Beziehung zeigt: "Mit Haut und Haar"1 opfert es sich auf, um in seinem Gegenüber vollkommen aufzugehen. Letztlich realisiert das lyrische Ich jedoch, dass es die Gefahr, die diese Selbstopferung beherbergt, nicht bedacht hat.

Im Folgenden findest Du einige Interpretationsansätze zu den Inhalten der einzelnen Strophen:

Die vollkommene Hingabe

Wie Du bereits aus der Inhaltsangabe erfahren hast, thematisiert die erste Strophe die innige Verbindung des lyrischen Ich zu jener unbekannten Person, die es in dem Gedicht anspricht. Außerdem ist zu entnehmen, dass diese innige Verbindung in der vollkommenen Hingabe des lyrischen Ich in Bezug auf diese Person liegt.

Weil das Gedicht mit dem Hinweis darauf, dass das lyrische Ich diese Person "aus der Senke [seiner] Jahre" (V. 1) gezogen habe, beginnt, ist davon auszugehen, dass es sich um eine innige Beziehung, folglich eine Liebesbeziehung handelt. Mit dem Begriff "Senke" könnte im metaphorischen Sinne das fortgeschrittene Alter der Person gemeint sein, denn die Vertiefungen im Boden können auf die bereits verstrichenen Jahre hindeuten. Dass das lyrische Ich die angesprochene Person nun aus seinen alten Jahren herauszieht, kann bedeuten, dass es diese wieder aufleben lässt.

Während die unbekannte Person folglich durch fortgeschrittenes Alter charakterisiert wird, befindet sich das lyrische Ich im Sommer seines Lebens. Weil dieser Sommer eine Metapher für das jugendliche Dasein und die wachen Jahre des lyrischen Ich sein kann, ist davon auszugehen, dass das lyrische Ich noch jung ist, als es sich dieser Person hingibt.

Das Verb "lecken" weist schließlich darauf hin, dass sich das lyrische Ich gegenüber der angesprochenen Person in vollkommener Hingabe befand, denn es "leckte [ihr/ihm] die Hand und Haut und Haare" (V. 3). Dabei ist anzunehmen, dass das lyrische Ich dieses Verb nicht wortwörtlich gebraucht, sondern hierdurch vielmehr die Intensität der Hingabe beschreibt.

Gleichzeitig kann das Lecken auf eine bestimmte Art von Pflege verweisen – ein Blick in das Reich der Tiere zeigt, dass das Lecken den Muttertieren als Pflegetätigkeit ihrer Babys dient. Ob dieses Lecken im Falle des lyrischen Ichs geistiger oder körperlicher Natur ist, bleibt offen. Es könnte jedoch auch als eine Metapher fungieren, um die Fürsorge des lyrischen Ichs in Bezug auf die unbekannte Person zu verdeutlichen.

Eine weitere Möglichkeit der Interpretation besteht darin, dass sich das lyrische Ich vor der Beziehung in einer guten Ausgangssituation befand, während sich das lyrische Du in einer weniger guten, wenn nicht sogar schlechten Ausgangssituation befand. Dass das lyrische Ich seine Partnerin bzw. seinen Partner nun "aus der Senke [seiner] Jahre" (V. 1) zieht, verweist darauf, dass es dessen Lebenssituation verbessert.

Die Distanzierung von der eigenen Identität

In der zweiten Strophe wird die vollkommene Hingabe der ersten Strophe durch das Vergehen der Zeit weiter erzählt: Nachdem sich das lyrische Ich der Person hingegeben hat, hat diese ihm ein Zeichen "in das dünne Fell" (V. 6) gebrannt. Anzunehmen ist, dass mit diesem dünnen Fell die zu Beginn der Beziehung noch nicht gefestigte Identität des lyrischen Ichs gemeint ist.

Weil das lyrische Ich zu Beginn der Liebesbeziehung noch jung ist, ist es noch nicht in seinem Charakter gefestigt. Auf diese Weise ist es der unbekannten Person möglich, das lyrische Ich zu verändern. Das Resultat hiervon ist, dass das lyrische Ich "vor [sich] selbst zurückzuweichen" beginnt. Mit diesem Zurückweichen geht eine zunehmende Distanzierung von der eigenen Identität einher.

Die Auflösung des eigenen Ichs

In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich zu Beginn weiterhin die Distanzierung von der eigenen Identität, wobei es einen "Schwur" (V. 9) ablegt – an diesen erinnert es sich anfangs noch, bis es schließlich nur noch "ein schöner Überrest" (V. 10) war, der von ihm blieb und nach ihm rief.

Weiter scheint es, als hört das lyrische Ich diesen Überrest seiner eigenen Identität nicht mehr, weil es im "Innern" (V. 11) der anderen Person "vor [sich] verborgen" (V. 12) ist. Mit diesem Verborgensein kann die Unfähigkeit des lyrischen Ichs, sich selbst wiederzuerkennen, gemeint sein.

Damit befindet sich das lyrische Ich in einer Sackgasse, denn es erkennt weder sich selbst in sich, noch erkennt es sich in seinem Gegenüber wieder. Die dritte Strophe thematisiert folglich die Unfähigkeit des lyrischen Ich, sich selbst (wieder-)zuerkennen – es ist von einer Auflösung des eigenen Ichs auszugehen.

Die Folgen der Selbstaufgabe

In der vierten Strophe mündet der Verlust der eigenen Identität des lyrischen Ich in dessen vollkommener Selbstaufgabe: Es ist "ganz in [seinem Gegenüber] aufgegangen" (V. 13). Damit hat sich das lyrische Ich vollkommen von sich selbst distanziert, einen Verlust der eigenen Identität erlitten, bis es schließlich ausgespuckt wird "mit Haut und Haar" (V. 14).

Das Ende des Gedichts verweist auf die Folgen der Selbstaufgabe, denn die Liebesbeziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem lyrischen Du scheint von der unbekannten Person beendet worden zu sein, sodass das lyrische Ich allein zurückbleibt.

Hier verweist der Titel des Gedichts "Mit Haut und Haar" auf das, was dem lyrischen Ich nach Beendigung der Liebesbeziehung bleibt: Der eigene Körper, aus Haut und Haaren bestehend. Fragen der Identität bleiben somit ungeklärt, da das lyrische Ich sich aufgrund der vollkommenen Hingabe an die unbekannte Person in einer ungewohnten Welt zurechtfinden muss.

Gleichzeitig verweist der Titel "Mit Haut und Haar" auf die vollkommene Hingabe mit Haut und Haar – folglich die Hingabe des gesamten Körpers. Dass die unbekannte Person das lyrische Ich nun durch Beendigung der Liebesbeziehung "ausspuckt" bestätigt, dass sich das lyrische Ich neu zurechtfinden muss.

Die literarische Epoche von "Mit Haut und Haar"

Ulla Hahns Gedicht "Mit Haut und Haar" wurde im Jahr 1981 veröffentlicht. Diese Zeit ist der literarischen Epoche der Postmoderne zuzuordnen.

Die Postmoderne ist eine literarische Epoche, die in manchen Fällen in die Zeit zwischen 1968 und 2000, in anderen Fällen in die Zeit zwischen 1989 und 2011 eingeordnet wird. Die Autor*innen der postmodernen Literatur wurden vermehrt von dem Gefühl geplagt, dass der Mensch orientierungslos durch die vielschichtig gewordene moderne Welt irrte. Die Epoche der Postmoderne wird daher nicht von einem roten Faden oder einem einheitlichen Leitgedanken durchzogen, stattdessen versuchten die Autor*innen die Vielschichtigkeit der Welt sowie ihre kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen in ihren Werken zu erfassen und zu verarbeiten.

Daher sind auch die Themen der postmodernen Literatur nicht einheitlich. Aufgrund dieser Vielfältigkeit wird auch heute noch kontrovers diskutiert, ob die Postmoderne überhaupt als Epoche bezeichnet werden kann.

Sieh Dir doch die Erklärung "Postmoderne Literatur" an, wenn Du mehr über die literarische Epoche der Postmoderne erfahren möchtest!

Der zeitgeschichtliche Hintergrund

Sowohl das Jahr 1968 als auch das Jahr 1989 sind von einem Neuanfang geprägt und kommen daher als Beginn der Epoche der Postmoderne infrage.

1968 löste sich die Gruppe 47 auf – eine zentrale Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern der Nachkriegsliteratur. Die Treffen dieser Gruppe dienten dem gegenseitigen Vortragen und Kritisieren von Texten bis dato noch unbekannter Autorinnen und Autoren. Der Zerfall der Gruppe 47 ermöglichte die Entstehung von etwas Neuem.

1989 wird von den meisten Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern als Anfangsjahr der Postmoderne gewertet. In diesem Jahr fiel die Berliner Mauer, die Deutschland bis dahin in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) geteilt hatte. Die Wiedervereinigung Deutschlands markierte einen Neuanfang.

Das Ende der Epoche im Jahr 2011 wurde vom deutschen Philosophen Markus Gabriel festgelegt.

Über die Autorin Ulla Hahn

Ulla Hahn wurde im Jahr 1945 in Westfalen geboren. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen der Gegenwart. Zu ihren bekanntesten Werken zählen "Das verborgene Wort" und "Spiel der Zeit". Neben diesen Prosawerken verfasste die Autorin zahlreiche Gedichte, so z. B. die Gedichtbände "Herz über Kopf (1981)" und "stille trommeln (2021)".

Aus einer Arbeiterfamilie stammend und nach einer Lehre als Bürokauffrau gelang Hahn der Weg in die Literaturbranche. Nach ihrem erfolgreichen Studium in Germanistik, Soziologie und Geschichte promovierte Hahn. Anschließend arbeitete sie als "Literaturredakteurin bei Radio Bremen"2, wo sie "eine neue Sendung: „Das Gedicht des Tages“2 schuf.

Anschließend begann Hahn, eigene Gedichte zu schreiben. Mit ihrem im Jahr 1981 vorgelegten Gedichtband "Herz über Kopf" wurde die aufstrebende Dichterin mit einer Auflage von circa 18.000 Exemplaren zur Bestsellerlyrikerin.

Neben zahlreichen weiteren Lyrikveröffentlichungen folgte Hahns erster Roman "Ein Mann im Haus" im Jahre 1991. Ihr darauffolgender Roman "Das verborgene Wort" erschien zehn Jahre später.

Die Schriftstellerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Bücherpreis. Außerdem wurde ein Literaturpreis nach der Autorin benannt: der Ulla-Hahn-Autorenpreis. Mit diesem Preis wird bis heute das Lyrik- oder Prosawerk eines deutschen Erstlings unter 35 Jahren ausgezeichnet.

Mit Haut und Haar - Das Wichtigste

  • Das Gedicht "Mit Haut und Haar" der Schriftstellerin Ulla Hahn wurde im Jahre 1981 veröffentlicht.
  • Innerhalb von vier Strophen thematisiert das lyrische Ich dabei die Liebesbeziehung zum lyrischen Du.
  • Diese Beziehung mündet in der vollkommenen Selbstaufgabe des lyrischen Ichs und eines daraus resultierenden Identitätsverlusts.
  • In der ersten und dritten Strophe lässt sich ein Kreuzreim mit dem Reimschema "abab" identifizieren.
  • In der zweiten Strophe lässt sich ein umarmender Reim mit dem Reimschema"abba" ausmachen.
  • In der vierten Strophe lässt sich ein Paarreim mit dem Reimschema "aa" ausmachen.
  • Das Metrum im Gedicht "Mit Haut und Haar" ist ein fünfhebiger Jambus, dies bedeutet, dass die erste Silbe eines Versfußes unbetont und die zweite Silbe betont ist.
  • Im Gedicht "Mit Haut und Haar" können verschiedene rhetorische Stilmittel identifiziert werden, so z. B. eine Metapher: Das lyrische Ich gibt an, dass es die unbekannte Person "in [s]einen Sommer" (V. 2) eingetaucht habe. Dieser Sommer kann als Metapher für das jugendliche Dasein und die wachen Jahre des lyrischen Ich gedeutet werden.
  • Das Gedicht "Mit Haut und Haar" ist der literarischen Epoche der Postmoderne zuzuordnen.
  • Ulla Hahn gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen der Gegenwart.

Nachweise

  1. Ulla Hahn (1993): Liebesgedichte. DVA.
  2. www.deutschlandfunkkultur.de: Schriftstellerin Ulla Hahn. (11.07.2022)

Häufig gestellte Fragen zum Thema Mit Haut und Haar

Mit dem Begriff "Senke" könnte im metaphorischen Sinne das fortgeschrittene Alter der Person gemeint sein, denn die Vertiefungen im Boden können auf die bereits verstrichenen Lebensjahre hindeuten. Dass das lyrische Ich diese Person nun aus seinen alten Jahren herauszieht, kann bedeuten, dass es sie wieder aufleben lässt.

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Ulla Hahn verfasste das Gedicht "Mit Haut und Haar".

Innerhalb von vier Strophen thematisiert das lyrische Ich die Liebesbeziehung zu einer unbekannten Person. Diese Beziehung mündet in der vollkommenen Selbstaufgabe des lyrischen Ichs und einer daraus resultierenden Auflösung des eigenen Ichs.

Ulla Hahn wurde im Jahr 1945 in Westfalen geboren.

Finales Mit Haut und Haar Quiz

Frage

Wer verfasste das Gedicht "Mit Haut und Haar"?

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Antwort

Mascha Kaléko

Frage anzeigen

Frage

Worum geht es in dem Gedicht "Mit Haut und Haar"?

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Antwort

Um das über jahrzehnte bestehende Liebesverhältnis zweier Personen.

Frage anzeigen

Frage

Woran ist zu erkennen, dass das lyrische Ich im Gedicht "Mit Haut und Haar" jung ist? 


Nutze die folgende Strophe als Hilfsmittel:


Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
und tauchte dich in meinen Sommer ein
ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
und schwor dir ewig mein und dein zu sein.1


Antwort anzeigen

Antwort

Der Sommer stellt in der ersten Strophe eine Metapher für das jugendliche Dasein des lyrischen Ichs dar.

Schließlich ist der Sommer die wärmste und hellste Jahreszeit – mit ihm geht die Blüte des Lebens einher.

Frage anzeigen

Frage

Welches Stilmittel ist in dem folgenden Vers auszumachen?


"mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6)

Antwort anzeigen

Antwort

Der Euphemismus 

Frage anzeigen

Frage

Erkläre, weshalb in diesem Vers das Stilmittel Oxymoron zu identifizieren ist:


"mit sanftem Feuer in das dünne Fell" (V. 6)



Antwort anzeigen

Antwort

Der Ausdruck "Sanfte[s] Feuer" (V. 6) stellt ein Oxymoron dar: Die widersprüchliche Bedeutung der Begriffe wird durch das rhetorische Stilmittel hervorgehoben. Durch diesen Widerspruch werden Lesende dazu angeregt, die Absichten des lyrischen Dus zu hinterfragen: Möchte es dem lyrischen Ich etwas Gutes oder Schlechtes? Ist es sich über ihre/seine Wirkung auf das lyrische Ich bewusst? 

Frage anzeigen

Frage

Um welches Metrum handelt es sich hier:


Ich zog dich aus der Sen-ke dei-ner Jah-re




Antwort anzeigen

Antwort

Um einen vierhebigen Jambus.

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Frage

Welcher literarischen Epoche ist das Gedicht "Mit Haut und Haar" zuzuordnen?

Antwort anzeigen

Antwort

Ulla Hahns Gedicht "Mit Haut und Haar" wurde im Jahr 1981 veröffentlicht. Diese Zeit ist der literarischen Epoche der Postmoderne zuzuordnen.

Frage anzeigen

Frage

Was ist mit dem folgenden Vers gemeint: "Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre" (V. 1)

Antwort anzeigen

Antwort

Mit dem Begriff "Senke" könnte im metaphorischen Sinne das fortgeschrittene Alter der Person gemeint sein, denn die Vertiefungen im Boden können auf die bereits verstrichenen Jahre hindeuten. Dass das lyrische Ich diese Person nun aus seinen alten Jahren herauszieht, kann bedeuten, dass es sie wieder aufleben lässt.

Frage anzeigen

Frage

Welcher Art der Lyrik ist das Gedicht "Mit Haut und Haar" zuzuordnen?

Antwort anzeigen

Antwort

Erlebnislyrik

Frage anzeigen

Frage

Wie viele Strophen hat das Gedicht "Mit Haut und Haar"?

Antwort anzeigen

Antwort

Drei Strophen

Frage anzeigen
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