Die Analyse des Gedichts "Herbsttag" hat Dir gezeigt, dass diesem viele Symbole und sprachliche Mittel zugrunde liegen. Bereits die von Strophe zu Strophe steigende Versanzahl gibt Auskunft über die inhaltlichen Aspekte des Gedichts: Zu Beginn des Gedichts wird der vorübergehende Sommer in kürzeren Strophen beschrieben, während der dominierende Inhalt des Gedichts (nämlich der Herbst und dessen Wirkung auf den Menschen) mit steigender Versanzahl in der dritten und längsten Strophe thematisiert wird.

Die erste und zweite Strophe

In der 1. Strophe spricht das lyrische Ich den Herrn (gemeint kann Gott oder eine höhere Instanz sein) direkt an, indem es darauf verweist, dass der Sommer vorüber ist. Das lyrische Ich bittet den Herrn darum, "die Winde" (V. 3) loszulassen.

Während das lyrische Ich also in dieser ersten Strophe noch gemächlich das Ende des Sommers einleitet, unterlegt es dieses Sommerende in der zweiten Strophe mit drängenden Verben. "Befiehl" (V. 4) sowie "dränge" (V. 6) weisen durch deren Befehlsform darauf hin, dass der Sommer nun endgültig schwinden muss, und dass seine "letzte Süße" (V. 7) zu "schwere[m] Wein" (V. 8) werden wird. Mit dem Ende des Sommers endet auch dessen Wärme und Helle.

Als dritte von vier Jahreszeiten folgt der Herbst auf den Sommer. Er hält die Veränderung bereit, die das lyrische Ich durch das Vergehen des Sommers beschreibt: "Der Sommer war sehr groß" (V. 1), "befiehl den letzten Früchten, voll zu sein" (V. 4) sowie "dränge sie zur Vollendung hin" (V. 6). Diese Vollendung beschreibt die letzten Mechanismen des Sommers, die im Herbst schließlich aufgebrochen werden: Die Blätter fallen, die Bäume werden kahl und die Sonne schwindet.

Die dritte Strophe

Die dritte Strophe zeigt durch die Anapher ("Wer jetzt") an, dass der Herbst da ist und der Mensch durch den Eintritt des Herbstes in sich selbst zurückgeworfen wird. Dies zeigen die Verben "wachen", "lesen" und "schreiben" (V. 10) auf, die für Tätigkeiten stehen, denen der Mensch in der Regel alleine nachgeht.

Der Herbst steht für die schwindende Sonne und die kühler werdenden Temperaturen, weshalb der Mensch mehr Zeit drinnen als draußen verbringt. Anzunehmen ist, dass die Zeit im Inneren der Grund dafür ist, dass der Mensch mehr Zeit mit sich selbst verbringt.

Die Begriffe "Innen" und "Außen" müssen aber nicht nur für Räume stehen, sondern können ebenfalls für eine "Innenwelt" und "Außenwelt" aus Perspektive eines Menschen stehen. Die Zeit innerhalb eines Raums kann deshalb für die Zeit stehen, die der Mensch in seiner "Innenwelt" (also mit sich selbst) verbringt.

Innerhalb dieser drei Strophen fällt auf, dass das Gedicht erst die Natur, und mithilfe dieser den Menschen thematisiert. Denn während das lyrische Ich in der ersten Strophe den Übergang des Sommers in den Herbst beschreibt, zeigt es auf, dass die Veränderung der Natur (und damit der Übergang von Sommer auf Herbst) der Grund dafür ist, dass der Mensch in sich selbst zurückgeworfen wird ("Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben" (V. 9).

Diese letzte Strophe ist zentral für die Interpretation des Gedichts. Nachdem das lyrische Ich den Herrn darum gebeten hat, die letzten Früchte zur Vollendung zu drängen, steht der Mensch nun im Mittelpunkt. Ihm drängt sich die Frage auf, wohin er gehört und ob er auf den Herbst vorbereitet ist. Denn "wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr" (V. 8) und "wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben" (V. 9). Diese Phase des Rückwurfs in sich selbst endet schließlich mit der Einsamkeit des Menschen und der Natur, die den Menschen immerfort begleitet. Das lyrische Ich beschreibt deshalb den Kreislauf von Natur und Mensch.

Die Natur verändert und vollendet sich. Sie geht vom Sommer in den Herbst über, während der Mensch diesem Kreislauf unterliegt und dafür sorgen muss, dass er auf den Zeitenwechsel vorbereitet ist. Dabei kann ihn die Einsamkeit überkommen und unruhig zurücklassen, während die Natur sich mit dem Zeitenwechsel verändert.

Der historische Hintergrund und die Epoche von "Herbsttag"

Rainer Maria Rilke verfasste das Gedicht "Herbsttag" im Jahre 1902. Diese Zeit ist der Epoche des Symbolismus zuzuordnen. Rilke gilt als bedeutender Vertreter des Symbolismus. Vielleicht sagt Dir sein Gedicht "Der Panther" etwas – dieses wird häufig als Beispiel des Symbolismus in der Literatur herangezogen.

Der Symbolismus entwickelte sich in der Moderne. Er wird auf den Zeitraum von 1890 und 1920 datiert. Neben namhaften Epochen wie dem Impressionismus oder dem Expressionismus bildeten sich in der Moderne zahlreiche Epochen heraus. Den Vertretenden des Symbolismus ging es darum, eine schöne Welt zu gestalten. Dies strebten sie an, indem sie mithilfe von Symbolen eine schöne Welt zu erschaffen suchten. Diese Welt sollte eher mystisch als rational sein. Deshalb war der Symbolismus die Gegenbewegung zum Realismus und Naturalismus.

Die Vertretenden des Symbolismus verwendeten eine symbolhafte und bildliche Sprache. Hierdurch rückten sie das Alltägliche in einen bis dahin neuen und rätselhaften Zusammenhang. Dieser rätselhafte Zusammenhang wurde durch Motive wie "das Unbewusste" oder "die Seele" erschlossen.

Ferner wurden Emotionen häufig auf Gegenstände oder sogar Tiere verlagert. Dies geht aus dem Gedicht "Der Panther" von Rilke hervor.

Die literarische Epoche der Moderne ist auf den Zeitraum zwischen 1880 und 1920 datiert. Der Begriff wird als Sammelbegriff für unterschiedliche Strömungen verwendet, wie z.B. den Expressionismus, den Impressionismus oder den Symbolismus. Als zentrales Merkmal der Moderne gilt der Bruch mit den Traditionen, weshalb die Autoren ihre Werke frei und ihren eigenen Vorstellungen nachgestalteten. Deswegen sind Subjektivität und Individualität zentrale Merkmale der Moderne.

Um die Jahrhundertwende fanden in der Gesellschaft zahlreiche Umwälzungen statt. Auf einen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt folgte die Industrialisierung, die Relativitätstheorie oder auch die Radioaktivität. Dies führte von einer Abwendung von der Religion hin zu einer Zuwendung zu philosophischen Theorien (z.B. Materialismus und Positivismus).