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Andorra Max Frisch

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Andorra Max Frisch

Andorra Max Frisch StudySmarter

"Andorra" ist eine von Max Frisch entworfene Parabel, die vom zweiten bis zum vierten November 1961 im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Das Stück handelt von der Macht der Vorurteile, von Passivität gegenüber Ungerechtigkeit und von der Zurückweisung menschlicher Schuld.

Die Parabel wird auch Gleichnis genannt. Es handelt sich dabei um eine Kurzform der Epik, die in zwei verschiedene Ebenen untergliedert ist: Die Bildebene im Vordergrund erzählt die konkrete Handlung einer Geschichte, aus der Lesende beziehungsweise das Publikum die eigentliche Bedeutung auf Metaebene, auch Sachebene, interpretieren. Die Parabel hat also nicht nur Unterhaltungswert, sondern in erster Linie einen belehrenden Inhalt.

Max Frischs "Andorra" behandelt dabei ein zentrales Thema: Was ist die eigene Identität und wie ist es möglich, sie in einem Umfeld zu wahren, das sich immer wieder ein individuelles Bild der eigenen Persönlichkeit macht? Einfacher formuliert lässt sich auch schlicht fragen: Muss, kann und wird der Mensch den Erwartungen entsprechen, die andere von ihm haben?

Max Frisch machte mehrfach deutlich, dass der Name "Andorra" sich nicht auf den realen pyrenäischen Staat Andorra bezieht, der zwischen Frankreich und Spanien liegt und rund 80.000 Einwohner umfasst. "Andorra" ist vielmehr die Bezeichnung für ein System, das sich auf viele Länder der Welt übertragen lässt, im Stück jedoch eine rein fiktive Rolle einnimmt.

Aufbau und Inhaltsangabe zu „Andorra“ Max Frisch

"Andorra" ist in zwölf verschiedene Szenen, sogenannte Bilder, unterteilt. Diese Bilder sind unterbrochen von immer wiederkehrenden Blicken in die Zukunft, in denen einzelne Figuren in den Zeugenstand treten. Hierbei rechtfertigen sie ihr eigenes Handeln während des Stücks oder gestehen ihre Mitschuld.

Mit seiner Einteilung in Szenen entspricht "Andorra" den Kriterien des epischen Theaters nach Bertolt Brecht. Dieses kam Anfang des 20. Jahrhunderts auf und verbindet die dramatische Darstellung mit der epischen Erzählweise.

Wenn Du mehr über das epische Theater erfahren möchtest, schau Dir gern die Erklärung "Episches Theater" auf StudySmarter an!

Neben der Untergliederung in Szenen statt Akte, nutzt Max Frisch für "Andorra" Verfremdungseffekte, wie es Bertolt Brecht für das epische Theater vorsah. Diese sogenannten V-Effekte, etwa Lieder oder an das Publikum gerichtete Kommentare, haben eine distanzierende Wirkung: Sie ermöglichen den Zuschauenden, das Gesehene rational und kritisch zu beurteilen.

Zusammenfassung erstes Bild

Andorra ist ein fiktives Land, in dem kleinbürgerlicher Patriotismus, also eine starke Vaterlandsliebe, herrscht. Die Bewohner Andorras sind in Vorurteilen und klischeebehaftetem Denken festgefahren. Sie fürchten sich vor ihrem Nachbarland, den "Schwarzen", die regelmäßig Juden jagen und hinrichten lassen.

Der Begriff "Schwarze" bezieht sich in Max Frischs "Andorra" nicht auf die Hautfarbe, beziehungsweise auf People of Color (POC). Stattdessen ist "schwarz" der metaphorische Inbegriff einer "schlechten" und "bösen" Seele.

Andri, die Hauptfigur des Stücks, wurde von dem Lehrer Can als Judenkind vor den "Schwarzen" gerettet und adoptiert. Er hatte sein Leben lang mit den rassistischen Vorurteilen der andorranischen Bevölkerung zu kämpfen.

Die erste Szene beginnt mit Barblin, der leiblichen Tochter des Lehrer Can, die ihr Haus in weißer Farbe anstreicht. Auch begegnet das Publikum in dieser Szene erstmals dem Soldaten Peider, der ein Auge auf Barblin geworfen hat. Als Pater Benedikt Barblins Arbeit sieht, lobt er sie und das "schneeweiße Andorra"1. Barblin befragt ihn zu den aufkommenden Gerüchten bezüglich der Judenjagd, doch der Pater weicht ihrer Frage aus.

Währenddessen trifft sich Lehrer Can im Wirtshaus mit dem Tischler, um eine Lehrstelle für Andri auszuhandeln. Der Tischler, der einen Juden nicht ausbilden möchte, verlangt viel Geld für Andris Ausbildung, im Wissen, dass Lehrer Can recht arm ist. Just in diesem Moment greift jedoch der Wirt ein und erklärt sich bereit, Can etwas Land abzukaufen. Von dem Geld könne der wiederum die Ausbildung für Andri bezahlen.

Zusammenfassung zweites Bild

Andri besucht Barblin, um mit ihr über seine Selbstzweifel und sein Unglück zu reden. Die beiden haben sich verlobt, bislang weiß jedoch noch niemand von ihrer Liebe.

Barblin versucht Andri aufzumuntern, doch all ihre Liebesversicherungen scheinen umsonst zu sein. Andri ist überzeugt davon, verhasst, gierig, arrogant und gemein zu sein. Er wendet dabei alle Vorurteile, die die Andorraner gegenüber den Juden haben, auf sich selbst an und identifiziert sich mit ihnen.

Das ist kein Aberglaube, o nein, das gibt’s, Menschen, die verflucht sind, und man kann machen mit ihnen, was man will, ihr Blick genügt, plötzlich bist du so, wie sie sagen.1

– Andri zu Barblin

Zusammenfassung drittes Bild

In der Tischlerwerkstatt betrachtet Fedri, ein weiterer Auszubildender, Andris ersten handgefertigten Stuhl. Der Stuhl ist makellos und sehr stabil.

Als der Tischler hereinkommt, setzt er sich auf den Stuhl des Auszubildenden Fedri, welcher sofort zusammenbricht. Er ist davon überzeugt, der Stuhl stamme von Andri, schließlich seien Juden nicht für das Handwerk gemacht. Fedri versäumt es, seinem Meister die Wahrheit mitzuteilen und verrät dadurch Andri. Dieser muss seine Lehre beenden und stattdessen als Verkäufer arbeiten.

Tischler werden ist nicht einfach, wenn's einer nicht im Blut hat.1

– Tischler zu Andri

Juden war es lange Zeit nicht erlaubt, handwerkliche Berufe auszuüben. Sie wurden in den Bereich des Geldhandels verdrängt, wodurch das Stereotyp des geizigen und gierigen Juden entstand. Mehr dazu erfährst Du im Abschnitt "Historischer Hintergrund" dieser Erklärung.

Zusammenfassung viertes Bild

Einige Zeit später lässt sich Andri von einem höchst unseriös wirkenden Arzt untersuchen. Dieser ahnt nichts von Andris Herkunft und lästert während der Untersuchung über den angeblichen Ehrgeiz und die Gier der Juden.

Die Worte des Arztes stimmen Andri tieftraurig und sein Ziehvater versucht vergeblich, ihn aufzuheitern. In diesem Zuge erzählt Andri ihm von der bevorstehenden Hochzeit mit Barblin, was Lehrer Can entsetzt ablehnt. Erneut schwer erschüttert findet Andri nur eine plausible Erklärung, für die Ablehnung Cans: Der Lehrer möchte seine einzige Tochter nicht mit einem Juden verheiraten.

Zusammenfassung fünftes Bild

Lehrer Can ist hin- und hergerissen. Er hat nicht nur Andri, sondern die ganze andorranische Bevölkerung jahrelang belogen. Tatsächlich ist Andri nämlich, ebenso wie Barblin, sein leibliches Kind, das allerdings nicht aus Cans Ehe, sondern aus der verbotenen Liebe zu einer "Schwarzen" hervorging.

Er kann Andri nicht seine Schwester heiraten lassen, fürchtet sich jedoch davor, die Wahrheit zu sagen. In seiner Verzweiflung betrinkt er sich im Wirtshaus.

Zusammenfassung sechstes Bild

In derselben Nacht schleicht Soldat Peider in Barblins Schlafzimmer, um sie zu vergewaltigen. Als Lehrer Can wenig später zurück nach Hause kommt, um Andri die Wahrheit zu erzählen, ist er so betrunken, dass sein Sohn die Unterhaltung ablehnt.

In diesem Augenblick kommt Soldat Peider mit noch unbekleidetem Oberkörper aus Barblins Zimmer und Andri erleidet einen weiteren Schock. Er ist überzeugt davon, dass seine große Liebe ihn hintergangen hat und fühlt sich nun von allen alleingelassen.

Sie kann mich nicht lieben, niemand kann's, ich selbst kann mich nicht lieben...1

– Andri zu Pater Benedikt

Zusammenfassung siebtes Bild

Andri berichtet Pater Benedikt von seiner Wut und seiner Trauer. Er denkt daran, sich das Leben zu nehmen, verwirft diesen Gedanken jedoch wieder. Der Pater bemüht sich, Andris Resignation zu lindern und rät ihm, seine jüdische Identität anzunehmen. Er versteht nicht, dass Andri ein gewöhnlicher Bürger von Andorra, einer wie alle anderen, sein möchte.

Ihr macht es einem wirklich nicht leicht, mit eurer Überempfindlichkeit.1

– Pater Benedikt zu Andri

Zusammenfassung achtes Bild

Eines Tages taucht eine Frau der "Schwarzen" in Andorra auf und mietet sich ein Zimmer im Wirtshaus. Bei der Bevölkerung Andorras sorgt dieses ungewöhnliche Ereignis sowohl für Empörung als auch Besorgnis.

Kurze Zeit später tauch Andri im Wirtshaus auf, um den Soldaten Peider wegen seiner angeblichen Liebschaft mit Barblin zur Rede zu stellen. Peider und einige befreundete Soldaten schlagen daraufhin so lange auf ihn ein, bis die "Schwarze" eingreift, einen Arzt und außerdem den Vater von Andri zu sprechen verlangt.

Zusammenfassung neuntes Bild

Andris Ziehmutter lüftet das Geheimnis ihres Mannes und deckt die wahre Herkunft von Andri auf, nur der Junge selbst ahnt nicht, dass er kein Jude, sondern Barblins leiblicher Bruder ist. Die fremde Dame, die eigentlich Andris Mutter ist, schenkt ihm zum Abschied einen Ring mit einem eingefassten Edelstein, einem Topas.

Bei einem weiteren Gespräch mit Andri erzählt Pater Benedikt ihm von Andris wahrer Familie. Andri, der die Vorurteile der andorranischen Bevölkerung längst verinnerlicht hat, schenkt den Worten des Geistlichen jedoch keinen Glauben.

Wie viele Wahrheiten habt ihr?1

– Andri zu Pater Benedikt

Sein Vater, Lehrer Can, stört das Gespräch, als er herbeieilt und von dem Tod der fremden Dame berichtet. Angebliche Zeugen behaupten, Andri sei der Mörder.

Zusammenfassung zehntes Bild

Andorra wird von den "Schwarzen" überfallen und eingenommen. Die angstvollen Andorraner kapitulieren sofort, ohne sich nur im Geringsten zu verteidigen. Andri, dem geraten wurde, sich bedeckt zu halten, sitzt unterdessen nachdenklich draußen auf einem großen Platz. Sein Vater kommt mit dem Gewehr, um ihn zu beschützen, und will ihm die Wahrheit über seine Abstammung erklären. Erneut hört Andri nicht zu und lässt nicht mit sich reden.

Zusammenfassung elftes Bild

Nach langen Überlegungen läuft Andri zur Kammer seiner Schwester, um mit ihr zu schlafen. Als sie ablehnt, versteht er nicht, dass sie Geschwister sind. Er ist davon überzeugt, dass sie ihn nicht liebt und dass sie ihm ihren Körper nur verweigert, weil er ein Jude ist. Als Referenz bezieht er sich immer wieder auf Peider, bei dem sie es ja auch zugelassen habe. Noch im Schlafzimmer wird Andri von Soldaten verhaftet und abgeführt.

Zusammenfassung zwölftes Bild

In Andorra findet die sogenannte "Judenschau" statt. Dabei wird allen ein schwarzes Tuch über den Kopf gelegt. Der "Judenschauer" soll anhand der Füße erkennen, bei welchem Bewohner es sich um einen Juden handelt oder nicht. Zusätzlich werden Andris Taschen untersucht. Als dort Geld und der Ring der fremden Dame gefunden wird, steht das Urteil fest. Andri wird für geldgierig und damit für jüdisch befunden und hingerichtet.

Während des ganzen Prozesses sieht die andorranische Bevölkerung tatenlos zu. Lehrer Can und Barblin sind die einzigen, die sich für Andri aussprechen und zum allgemeinen Protest aufrufen. Doch die Andorraner sehen weg und verhalten sich passiv, um die neutrale Beziehung zu den "Schwarzen" nicht zu gefährden. Das Opfer des unschuldigen Andri nehmen sie dafür stumm in Kauf.

Nach der Hinrichtung kann Lehrer Can die Schuld nicht länger ertragen und begeht Suizid. Als ehemalige Verlobte eines Juden wird Barblins Kopf kahl geschoren. Das Stück endet mit einer traumatisierten Barblin, die nun auch die Straße weiß anmalt. Dazu bewacht sie Andris Schuhe, die er bei der Judenschau ausziehen musste.

Rührt sie nicht an! Wenn er wiederkommt, das hier sind seine Schuh.1

– Barblin, während sie die Schuhe des toten Andri bewacht

Charakterisierung der wichtigsten Figuren in "Andorra" von Max Frisch

In seinem Stück "Andorra" entwarf Max Frisch nicht nur eine große Anzahl komplexer Figuren, sondern zwei ganze Völker, die sich in ihrem Handeln stark unterscheiden, in ihrem Denken jedoch erschreckend ähnlich sind.

Charakterisierung von Andri

Andri ist der leibliche Sohn des Lehrers Can. Seine Mutter ist eine Frau aus dem Land der "Schwarzen", weswegen er als Adoptivsohn getarnt und als Jude aufgezogen wurde. In diesem Sinne beruht sein ganzes Leben auf einer Lüge.

Er ist verliebt in Barblin, bekommt aber aus Gründen der Blutsverwandtschaft – von der er nichts ahnt – keine Heiratserlaubnis.

Als Jude war Andri in Andorra von Kind an ein Außenseiter, wurde ununterbrochen mit Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert und hatte nie die Gelegenheit, eine eigene Identität zu entwickeln. Mit der Zeit wird er immer verdrießlicher und ist nun selbst überzeugt von seiner angeblich minderwertigen Herkunft. Alle negativen Eigenschaften, die das andorranische Volk ihm in seiner Unwissenheit aufdrängt, scheint er jetzt auch selbst in sich zu sehen.

Charakterisierung des Lehrers Can

Can ist Lehrer an der Schule von Andorra und Vater von Barblin. Er pflegte eine verbotene Liebe mit einer Frau aus dem Land der "Schwarzen", aus der sein zweites Kind Andri hervorging. Um sich und seine Liebe nicht dem Hass der Andorraner gegenüber der "Schwarzen" auszusetzen, nahm er Andri als Adoptivsohn bei sich auf und erzählte allen, Andri sei ein Judenkind, das er gerettet habe.

Lehrer Can ahnt nicht, dass er mit seiner Lüge Andris Leben ruiniert und damit auch für seinen Tod mitverantwortlich ist. Er denkt nur an sich selbst, wobei er nicht begreift, was es bedeutet, als Judenkind in einem Land aufzuwachsen, das alle Menschen jüdischer Abstammung verabscheut und diskriminiert.

Als er seinen Fehler schließlich einsieht und die Gewissensbisse ihn plagen, ist Can zu verängstigt, um seinem Sohn die Wahrheit zu sagen. Er fürchtet sich davor, nun von ihm gehasst zu werden, und so verpasst er erneut seine Chance, alles richtigzustellen.

Charakterisierung von Barblin

Barblin ist die Tochter von Can – und damit auch die Halbschwester von Andri. Zu Beginn des Stücks ahnt sie nichts von seiner wahren Herkunft und willigt daher ein, ihn zu heiraten.

Barblin entspricht dem Klischee der unbefleckten Jungfrau und wohlerzogenen Tochter. Dieses Bild wird bereits in der ersten Szene erzeugt, als sie ihr Haus weiß anstreicht. Sie wird von Peider begehrt und schließlich vergewaltigt. Mit dem Tod ihres geliebten Bruders verliert sie daraufhin den Verstand.

Charakterisierung des Paters

Der Pater nimmt als scheinbarer Freund und Unterstützer von Andri eine gesonderte Rolle in Max Frischs "Andorra" ein. Er hat gute Absichten, doch auch er beraubt Andri seiner Individualität, indem er ihn als Juden abstempelt und ihm rät, seine "Andersartigkeit" einfach anzunehmen.

Trotz mehrfacher Versuche, Andri zu helfen, ist sein Verhalten nicht zu rechtfertigen. Als es nötig war, hat auch er Andri nicht beigestanden. Er verhielt sich passiv und ignorant wie der Rest seines Volkes und damit trägt auch er eine Mitschuld an Andris Tod. Im Zeugenstand ist er der einzige Andorraner, der diese Schuld eingesteht.

Charakterisierung des Volks der „Schwarzen“

Die "Schwarzen" nennt sich das mächtige Nachbarvolk der Andorraner. Sie sind unter letzteren schon lange gefürchtet, da sie sehr kriegerisch sind und insbesondere Juden verfolgen und töten lassen. Auf einer "Judenschau" bei denen Juden angeblich anhand ihrer Füße identifiziert werden sollen, verhaften sie Andri und lassen ihn hinrichten.

Charakterisierung der Andorraner

Die Andorraner sind im Gegensatz zu den "Schwarzen" friedliebend. Sie verfolgen zwar keine Juden, haben aber dennoch antisemitische Vorurteile. Andri behandeln sie wie einen Außenseiter und Fremden. Sie sprechen ihm das Recht ab, einen handwerklichen Beruf zu lehren, halten ihn für geldgierig und nennen ihn "überempfindlich"1 wenn er sich darüber empört.

Unter Antisemitismus wird die systematische Benachteiligung und Ausgrenzung von Juden als Volksgruppe verstanden, die auf rassistischen Vorurteilen beruht.

Bei Andris Verurteilung machen sie sich schließlich mitschuldig, da sie lieber die Augen vor Unrecht verschließen, statt gegen die "Schwarzen" vorzugehen.

Andorra Max Frisch – Sprachliche Analyse und Interpretation

"Andorra" bedient sich einer immer wiederkehrenden Farbsymbolik. Während das "schneeweiße" Andorra für Reinheit, Unschuld, Glaube, Licht und Ideale steht, erschafft Max Frisch mit dem Nachbarland der "Schwarzen" einen klaren Kontrast. Schwarz bedeutet die Abwesenheit von Licht und Farbe, daraus resultiert das Nichts. Es verströmt ein Gefühl von Macht, Autorität und Überlegenheit, gleichzeitig steht es als Schattenseite des Lichts für Unbekanntes, Böses und Gefährliches.

Ein Symbol ist eine Art Zeichen, das stellvertretend für einen Begriff oder einen Zustand steht und meist eine feste Bedeutung hat. Du möchtest mehr über dieses Stilmittel erfahren? Dann sieh Dir die Erklärung "Symbol (Stilmittel)" auf StudySmarter an!

Max Frisch macht sich in "Andorra" nicht nur die Szenen im Zeugenstand als Verfremdungseffekte zunutze. Er verzichtet auch darauf, allen Figuren seines Stücks Namen zu geben, wodurch Zuschauende emotionale Distanz wahren. So sind und bleiben in seinem Stück unter anderem der Wirt und der Tischler namens- und dadurch ein Stück weit identitätslos.

"Andorra" hat zudem durchgehenden Bezug zu einem der Zehn Gebote aus der christlichen Bibel. Dort ist mit "Du sollst Dir kein Bildnis machen"3 in erster Linie Gott selbst gemeint, denn das Göttliche ist in jedem leblosen Objekt, in jeder Pflanze, jedem Mensch und jedem anderen Tier.

Max Frisch überträgt diese Bedeutung auf die Menschheit. Mit "Andorra" zeigt er, was Stereotype schaffen und zerstören können, was Vorurteile mit der menschlichen Psyche anstellen und wie die Annahmen und Erwartungen eines unwissenden Umfelds ein ganzes Menschenleben vernichten können. Damit regt er Zuschauende nicht nur zum Nachdenken an, er beschwört sein Publikum geradezu, sich nicht von Klischeevorstellungen blenden zu lassen.

Jeder Mensch ist verpflichtet, jeden seiner Mitmenschen ohne Vorurteil zu betrachten.

– Max Frisch im Interview mit Curt Riess2

Während der sogenannten "Judenschau" werden nicht nur die "Schwarzen", sondern auch die Andorraner, die all dies schweigend hinnehmen, mit sehr bitterem Humor ins Lächerliche gezogen. Der Versuch, Juden anhand ihrer Füße zu identifizieren, erscheint geradezu idiotisch. Max Frisch übt hier nur wenig subtile Kritik an der Stigmatisierung und Verurteilung von Personen, Völkern und Religionen, indem er die Dummheit der Menschen und damit auch ihre Schuld schonungslos übertrieben offenlegt.

Die Schuldigen sitzen ja im Parkett. Sie, die sagen, daß sie es nicht gewollt haben. Sie, die schuldig wurden, sich aber nicht mitschuldig fühlen. Sie sollen erschrecken […] sie sollen, wenn sie das Stück gesehen haben, nachts wach liegen. […] Die Mitschuldigen sind überall.

– Max Frisch im Interview mit Curt Riess2

Andorra Max Frisch – Historischer Hintergrund

Mit seinem ernsten, fast schon unangenehmen, Inhalt, ist Max Frischs "Andorra" ein dramatisch-episches Werk der literarischen Epoche der Nachkriegsliteratur. Es entstand vor dem historischen Hintergrund der Judenverfolgung des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Zeit wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.

Als Nachkriegsliteratur wird eine deutsche Literaturepoche bezeichnet, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat. Sie begann nach Kriegsende im Jahre 1945. Wenn Du mehr über die Werke dieser Epoche erfahren möchtest, sieh Dir die Erklärung "Nachkriegsliteratur" auf StudySmarter an!

Antisemitismus gab es bereits in der Antike. Im 9. Jahrhundert wurden Menschen jüdischer Abstammung systematisch aus den meisten Berufsbereichen vertrieben. Erlaubt war ihnen lediglich die Arbeit im Kredit- und Pfandhandel, woraus das Vorurteil entstand, Juden seien geldgierig.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bekannt, dass die Schweiz als "neutraler Staat" über dreißigtausend Juden an der deutsch-schweizerischen Grenze die Flucht in das eigene Land verweigert hatte. In diesem Sinne weist das fiktive Land Andorra in Max Frischs Parabel Ähnlichkeiten mit der Schweiz, aber auch der deutschen Bevölkerung im 20. Jahrhundert auf. Aus Angst, Feigheit oder aufgrund von eigenen Vorurteilen, verschlossen die Menschen die Augen vor den unfassbaren Ungerechtigkeiten, die sich insbesondere von 1933 bis 1945 zutrugen.

Die Schuldigen sind sich keiner Schuld bewußt, werden nicht bestraft, sie haben nichts Kriminelles getan. Ich möchte keinen Hoffnungsstrahl am Ende, ich möchte vielmehr mit diesem Schrecken, ich möchte mit dem Schrei enden, wie skandalös Menschen mit Menschen umgehen.

– Max Frisch im Interview mit Curt Riess2

Andorra Max Frisch – Autor

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren. Im Jahre 1934 brach er sein Germanistikstudium ab, um als Sportjournalist und freier Reporter zu arbeiten. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er vier Jahre mit einer jüdischen Kommilitonin liiert. Er wollte sie heiraten, um sie vor der Verfolgung durch das judenfeindliche Regime zu schützen, doch sie lehnte dieses Vorhaben ab.

1940 erhielt er sein Diplom in Architektur und gründete daraufhin ein eigenes Büro. Nur zwei Jahre später heiratete er Gertrud von Meyenburg, mit der er drei Kinder hatte.

Im Jahre 1954 erschien sein Debütroman "Stiller", der ein großer Erfolg wurde. Max Frisch schloss sein Architekturbüro, reiste um die Welt und widmete sein Leben ganz der Schriftstellerei. Kurz darauf ließ er sich scheiden. 1968 heiratete er die achtundzwanzig Jahre jüngere Marianne Oellers, die ihn auf seinen Reisen durch Italien, Israel, Japan und die USA begleitete.

Ein Vorläufer von Andorra fand sich bereits 1946 in einem Tagebuch von Max Frisch. Er nannte diese erste Bühnenskizze "Der andorranische Jude", arbeitete sie aber erst ab 1958 zu seinem enormen Erfolg aus. Wegen des großen Andrangs musste die Premiere 1961 von einem auf drei Abende erweitert werden. "Andorra" erhielt in fast allen Ländern der Welt ausschließlich positive Kritiken. Lediglich die Inszenierung am New Yorker Broadway endete in einem Misserfolg.

Am 4. April 1991 verstarb Max Frisch an Darmkrebs. Er erhielt eine Gedenktafel in Berzona, wo er mit Marianne Oellers gelebt hatte.

Andorra Max Frisch – Das Wichtigste

  • "Andorra" ist eine Parabel von Max Frisch, die im Herbst 1961 uraufgeführt wurde. Sie handelt von der Macht der Vorurteile, von Passivität gegenüber Ungerechtigkeit und von der Zurückweisung menschlicher Schuld.
  • Max Frisch untergliederte sein Drama in zwölf Szenen, die er "Bilder" nannte. Zwischen diesen Bildern nutzte er sogenannte Verfremdungseffekte, um dem Publikum objektive Distanz und eine kritische Beurteilung der Darstellung zu ermöglichen.
  • Die Hauptfigur in Max Frischs "Andorra" ist Andri, ein Bewohner des Landes Andorra, der fälschlicherweise als Jude großgezogen wurde und aus diesem Grund sein ganzes Leben lang mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Als die Andorraner von den judenfeindlichen "Schwarzen" aus ihrem Nachbarland überfallen werden, sehen sie tatenlos zu, wie Andri hingerichtet wird.
  • "Andorra" entstand vor dem historischen Hintergrund des Holocausts und steht auch in Verbindung mit dem Antisemitismus, der bereits in der Antike herrschte. Das passive Verhalten der Andorraner hat starke Ähnlichkeiten mit dem der Deutschen und Schweizerinnen und Schweizern nicht-jüdischer Abstammung.
  • Mit "Andorra" möchte Max Frisch das Publikum zum Nachdenken anregen. Er beschwört seine Mitmenschen, sich kein Bild von anderen zu machen, denn nichts gibt einem das Recht, klischeebehaftete Vorstellungen auf die Identität eines anderen Menschen zu übertragen.

Andorra Max Frisch StudySmarter


Nachweise

  1. Frisch (1975). Andorra. Stück in zwölf Bildern. Suhrkamp Verlag.
  2. Zeit Online: Mitschuldige sind überall. (27.06.2022)
  3. Frisch (1976). Gesammelte Werke in zeitlicher Folge II. Suhrkamp Verlag.

Häufig gestellte Fragen zum Thema Andorra Max Frisch

Andri wird fälschlicherweise von dem Volk der "Schwarzen" als Jude verurteilt und hingerichtet. Bei einer sogenannten "Judenschau" wird er zunächst laienhaft untersucht, bevor er schließlich abgeführt wird.

Max Frisch schrieb "Andorra" zwischen 1958 und 1961. Eine erste Fassung des Stücks ist allerdings bereits 1946 in seinem Tagebuch zu finden. Er nannte diesen Vorläufer "Der andorranische Jude".

Mit "Andorra" setzte sich Max Frisch explizit gegen den Antisemitismus ein. In einem Interview sagte er, er wolle die Menschen aufrütteln und dafür sorgen, dass sie ihre Mitschuld am Holocaust anerkennen. Wer den Täter nicht aufhält, sei ebenfalls einer.

Mit "Andorra" möchte Max Frisch ein Appell an die Menschheit aussprechen. Er bittet sein Publikum, sich kein Bild von Mitmenschen zu machen, sondern diese stets ohne Vorurteile zu betrachten und zu schätzen.

Finales Andorra Max Frisch Quiz

Frage

Wer schrieb "Andorra"?

Antwort anzeigen

Antwort

„Andorra“ ist eine Parabel von Max Frisch.
Frage anzeigen

Frage

Wann wurde „Andorra“ uraufgeführt?
Antwort anzeigen

Antwort

1961

Frage anzeigen

Frage

Was ist eine Parabel?

Antwort anzeigen

Antwort

Eine Parabel ist eine kurze und lehrhafte Erzählung und gehört damit zu den epischen Kurzformen. Die Parabel besteht aus zwei Ebenen: Sie erzählt eine Geschichte im Vordergrund (Bildebene), aus der Lesende die eigentliche Bedeutung auf der Metaebene (Sachebene) interpretieren.
Frage anzeigen

Frage

Was ist das zentrale Thema von „Andorra“?
Antwort anzeigen

Antwort

Zentrales Thema ist die Frage, wie der einzelne Mensch seine eigene Identität wahrt, während er immer wieder mit dem Bild konfrontiert ist, das sein Umfeld sich von ihm macht. 
Frage anzeigen

Frage

Welchen Bezug haben das Land Andorra und seine Bewohner*innen zur historischen Wirklichkeit?

Antwort anzeigen

Antwort

Bei dem Handlungsort Andorra handelt es sich um einen fiktiven, also einen erdachten, Ort und ebenso fiktiv sind auch seine Bewohner*innen. Dennoch lassen sich Ähnlichkeiten mit Deutschland und der Schweiz im 20. Jahrhundert erkennen.

Frage anzeigen

Frage

Vor welchem historischen Hintergrund entstand "Andorra"?

Antwort anzeigen

Antwort

"Andorra" entstand vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, insbesondere der Judenverfolgung.

Frage anzeigen

Frage

Inwiefern unterscheiden sich das Volk der Andorraner und das Volk der „Schwarzen“?
Antwort anzeigen

Antwort

Die „Schwarzen“ sind ein mächtiges Nachbarvolk, das Juden verfolgt und tötet. Die Andorraner jagen zwar keine Juden, dennoch ist ihre Gesellschaft mit Vorurteilen durchsetzt. Der Unterschied liegt lediglich in der Angst der Andorraner, im Denken sind beide Völker identisch: judenfeindlich und damit gleich "schwarz".
Frage anzeigen

Frage

Welches Stilmittel beherrscht "Andorra" vom Anfang bis zum Ende?

Antwort anzeigen

Antwort

Farbsymbolik

Frage anzeigen

Frage

Erkläre die Bedeutung der Farben Schwarz und Weiß für den Inhalt von "Andorra"!

Antwort anzeigen

Antwort

Schwarz steht für Gefahr, Macht, Böses und Unbekanntes. Das "schneeweiße Andorra" hingegen steht für Licht, Ideale, Reinheit und Unschuld. Diese Farben sollen den Unterschied zwischen beiden Völkern aufzeigen.

Frage anzeigen

Frage

An welchem dramatischen Modell orientierte sich Max Frisch in "Andorra"?

Antwort anzeigen

Antwort

Episches Theater

Frage anzeigen

Frage

Welche Rolle nimmt Andri in der Gesellschaft ein?
Antwort anzeigen

Antwort

Andri wird aufgrund seiner scheinbar jüdischen Herkunft zum verhassten Außenseiter. Viele Andorraner ignorieren seine Anwesenheit und wollen nichts mit ihm zu tun haben.

Frage anzeigen

Frage

Welche andorranische Figur nimmt eine besondere Stellung in Max Frischs Stück ein?

Antwort anzeigen

Antwort

Pater Benedikt

Frage anzeigen

Frage

Was ist die Kernaussage von "Andorra"?

Antwort anzeigen

Antwort

Max Frisch bezieht sich hierbei auf das Gebot "Du sollst Dir kein Bildnis machen". Er setzt es nicht nur mit Gott, sondern auch den Menschen in Verbindung. Mit "Andorra" spricht er sich nicht nur gegen den Antisemitismus, sondern auch gegen klischeebehaftete Stereotype aus. Er appelliert an sein Publikum, Menschen niemals zu verurteilen.
Frage anzeigen

Frage

Wer entwickelte das epische Theater?

Antwort anzeigen

Antwort

Bertolt Brecht

Frage anzeigen

Frage

Inwiefern nutzte Max Frisch sogenannte Verfremdungseffekte in "Andorra"?

Antwort anzeigen

Antwort

Er ließ Figuren außerhalb der Bilder in den Zeugenstand treten.

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