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Belgische Kolonien

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Geschichte

In diesem Artikel findest du eine Übersicht über die belgischen Kolonien. Dabei zeigen wir dir besonders die Rolle Belgiens im Gebiet des Kongos. Wie der belgische König ein ganzes Land zu seinem Privatbesitz machen konnte und was die kongolesische Bevölkerung erleiden musste, erfährst du alles hier.


Dieser Artikel gehört zum Fach Geschichte und erweitert das Thema des Imperialismus.


Imperialistische Ambitionen Belgiens

Seitdem Belgien sich 1830 nach der belgischen Revolution von dem Königreich Holland abspaltete und sich für unabhängig erklärte, hegte Leopold I., der erste König Belgiens, imperialistische Ambitionen. 


König Leopold I. bemühte sich zu Zeiten seiner Regentschaft um rund 50 verschiedene Kolonialgebiete in Afrika, Amerika, Asien, Ozeanien und sogar Europa. In Zuge dessen gründete er die Compagnie Belge de Colonisation (deutsch: Belgische Kolonisationsgesellschaft). Trotzdem gelang es Leopold I. nicht, Kolonialbesitz für Belgien zu erwerben.


Dem jungen Staat fehlte es nämlich an den nötigen Resourcen, Kolonialgebiete zu erschließen, überseeische Kolonien aufzubauen und diese auch zu halten. Belgien verfügte weder über eine Kriegsflotte, mit der es hätte Gebiete erobern können, noch verfügte Belgien über genug Wirtschaftskraft, um Kolonialgebiete den Großmächten abzukaufen. So erwarb Belgien, verglichen mit den anderen Kolonialmächten, seine Kolonien erst relativ spät. 


Erst Leopold II., der direkte Thronfolger von Leopold I., gelang es, Kolonialgebiete in belgischen Besitz zu bringen. 


Belgische Kolonien - Übersicht

Belgiens größte Kolonien befanden sich in Zentralafrika. Dazu gehörten:

  • Kongo-Freistaat (ca. 1885 - 1908), danach Belgisch-Kongo (1908 - 1960)
  • Ruanda-Urundi (heute Ruanda und Burundi) (1916 - 1962)


Weitere Kolonialgebiete Belgiens waren:

  • Tientsin (1902 - 1931) (Handelsniederlassung in der Konzessionszone Chinas)
  • Internationale Zone von Tanger, Marocco (1925 - 1940 und 1945 - 1956) (zusammen mit neun weiteren Nationen, die Tanger verwalteten)


Abb. 1: Belgian colonial empire

via commons.wikimedia.org 


Fact! Die schwarz-markierte Fläche in Europa ist Belgien, die dunkelrote Fläche Kongo. Das Gebiet Kongos ist 75-mal größer als Belgien.


Kongo-Freistaat

Obwohl Kongo offiziell erst 1908 eine belgische Kolonie wurde, kontrollierte Leopold II. schon seit 1885 das Gebiet unter dem Namen Kongo-Freistaat. Dabei war der Kongo-Freistaat kein Kolonialbesitz Belgiens, sondern Privatbesitz der belgischen Krone und somit das persönliche Eigentum von Leopold II.


Schon 1876 zeigte Leopold II. großes Interesse am Kongo und hielt eine geographische Konferenz in Brüssel, bei der die Erforschung des Kongos besprochen werden sollte und gründete gleichzeitig die Association Internationale Africaine (deutsch: Internationale Afrikageselltschaft).


Leopold II. konnte seine Pläne zur Erforschung des Kongos jedoch erst mit Hilfe des britischen Journalisten Henry Morton Stanley umsetzten. Stanley war der erste Europäer, der umfassende Expeditionen durch den Kongo unternahm. Sein Ziel war es, den Kongo in das britische Kolonialreich aufzunehmen, was die britische Regierung jedoch ablehnte. Dafür war der König Belgiens umso mehr an Stanleys Plänen, den Kongo zu kolonialisieren, interessiert.



Abb. 2: Henry Morton Stanley

via commons.wikimedia.org 


Leopold II. und Stanley schlossen 1878 eine Übereinkunft, woraufhin Stanley begann, kongolesischen Stämmen im Namen von Leopold II. Land abzukaufen. Rund 450 Kaufverträge wurden mit den einheimischen Häuptlingen geschlossen, wobei es Stanley bewusst war, dass die Einheimischen die Verträge nicht lesen konnten. So hatten die Häuptlinge keineswegs Kenntnis über die Tragweite der Verträge und willigten unwissentlich der in den Verträgen stehendenden Zwangsarbeit ein.


Stanley erhielt große Summen Geld von Leopold II. und Missionsgesellschaften, und ließ Straßen, Städte und Flussstationen bauen. Offiziell geschah all dies zum Dienst der Wissenschaft und dem Kampf gegen die Sklaverei,  wobei die eigennützigen Absichten von Leopold II. und Stanley der Öffentlichkeit nicht bekannt waren. 


Kongo-Konferenz

Auf der Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin, wurde beschlossen, dass Kongo Privatbesitz der belgischen Krone werden sollte. Obwohl andere Imperialmächte, zum Beispiel Portugal oder Frankreich, Interesse am Kongo zeigten, konnten sich diese nicht einig werden. Andere europäische Großmächte, wie Großbritannien oder das Deutsche Reich, konnten durch Freihandelsgarantien oder andere persönliche Vorteile davon überzeugt werden, Kongo als "Freistaat-Kongo" dem belgischen König zu überlassen. 


Die Teilnehmer der Kongo-Konferenz sahen Leopold II. wegen seiner begrenzten wirtschaftlichen und militärischen Mittel als geringe Bedrohung an. Auch als Monarch wurde er als ungefährlich empfunden, woraufhin er das Gebiet des Kongos als persönlichen Besitz erhielt.


Voraussetzung war jedoch, dass sich Leopold II. verpflichtete: 

"...die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen, an der Unterdrückung der Sklaverei und des [Sklaven]handels mitzuwirken [und] religiöse, wissenschaftliche und wohltätige Einrichtungen und Unternehmungen zum Besten der Eingeborenen zu schützen“

Der neugeschaffene Freistaat-Kongo war offiziell komplett unabhängig vom belgischen Staat und war somit auch keine belgische Kolonie. Trotzdem erklärte Leopold II. am 23. April 1885, das Kongo Besitz der Association Internationale du Congo sei, eine Gesellschaft, dessen einziger Eigentümer Leopold II. er selbst war.


Leopold II. war vor allem an Kongos Rohstoffen interessiert. Dazu gehörten neben Bodenschätzen, u.a auch Diamanten, Elfenbein und Kautschuk.


Kongo-Freistaat unter Leopold II.

Leopold II. begann, das Gebiet des Kongos zu verstaatlichen, investierte dafür große Teile seines Vermögens und legte Verwaltungsposten und Missionsstationen an. Obwohl es Kongo-Freistaat  hieß, wurde die einheimische Bevölkerung komplett von politischen oder militärischen Entscheidungen ausgeschlossen.


Das riesige Land wurde in mehrere Distrikte und Unterzonen aufgeteilt und durch Warlords und Söldner im Auftrag Leopolds II. kontrolliert. Obwohl es mehrere Gerichtshöfe gab, übten auch privaten Unternehmen in Gebieten die Gerichtbarkeit aus.


Eines der zahlreichen Dekrete, die erlassen wurden, war die Etablierung der Pro-Kopf-Steuer, welche die Bevölkerung in Elfenbein oder Kautschuk erbringen musste. Da die Elefantenjagt für die einheimische Bevölkerung jedoch verboten war, wurde sie zur Kautschukernte gezwungen.


Hinweis! 1888 wurde der Luftreifen erfunden, was auf dem Weltmarkt die Nachfrage nach Gummi, und somit auch Kautschuk, enorm steigerte.


In Zuge dessen entstanden etliche riesige Kautschukplantagen in den tropischen Regenwäldern des Kongobeckens, die die herkömmlichen Erwerbstätigkeiten der kongolesischen Bevölkerung verdrängten und sie somit in komplette Abhängigkeit stürzten. 


Mit der Kautschukgewinnung, die sich komplett auf Zwangsarbeit und Sklaverei stützte, begann der Kongogräuel.


Kongogräuel

Der Begriff Kongogräuel beschreibt die systematische Ausbeutung des Kongo-Freistaats und der einheimischen Bevölkerung im Zeitraum von ca. 1888 bis 1908. Die Einheimischen wurden durch Tötungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Geiselnahmen versklavt und zur Kautschukgewinnung gezwungen.


Die von Leopold II. gegründete Force Publique war eine rund 18.000 Mann starke Armee aus kongolesischen Männern und belgischen Offizieren, die die Schreckensherrschaft Leopolds II. brutal durchsetzte. Damit die Soldaten ihre Patronen nicht für die Jagt verwendeten, mussten sie pro verschossene Patrone eine Hand des Getöteten abschneiden und den Offizieren als Beweis vorlegen.


Durch die Pro-Kopf-Steuer war jedes Dorf gezwungen eine gewisse Menge an Kautschuk zu liefern. Dabei waren die geforderten Lieferquoten so unrealistisch hoch, dass die Menschen Tag und Nacht arbeiten mussten. Als Gewähr wurden die Frauen der Arbeiter in Geiselhaft genommen. Weigerten sich die Männer, oder konnten die Lieferquote nicht erfüllen, wurden sie von der Force Publique bestraft, indem sie die Frauen der Arbeiter erschossen oder ihre Kinder verstümmelten.


Abb. 3: Kongo im Würgegriff König Leopolds II.

via welt.de


Demütigung, Furcht und brutale Gewalt bestimmten den Alltag der Bevölkerung des Kongo. Unter der 23 Jahre langen Herrschaft Leopolds II. kamen rund 10 Millionen Kongolesen ums Leben. Volkszählungen ergaben, dass die Hälfe der kongolesischen Bevölkerung dabei getötet wurde. Besonders gravierend bei den Gewaltverbrechen im Kongo ist, dass Leopold II. versichern musste sich für den Schutz der einheimischen Bevölkerung einzusetzen (s. Voraussetzung oben). Das zeigt, wie willkürlich die Kolonialherren mit ihren Kolonien umgehen konnten, obwohl sie untereinander vereinbart hatten, die Bevölkerung nicht zu verletzten.

Ende des Kongo-Freistaates

Nach und nach drangen die Gräueltaten an die Außenwelt. Durch einzelne Missionare, Joseph Conrads 1899 erschienene Erzählung Herz der Finsternis und Angestellten der Handelsflotte des Kongo-Freitstaates wurde immer mehr Aufsehen auf die Geschehnisse im Kongo gezogen. Fotografien von verstümmelten Kongolesen erschreckte die Öffentlichkeit in Europa und den USA und führte zu internationalen Prottesten. Unter dem internationalen Druck auf den ohnehin schon unbeliebten König Belgiens, musste Leopold II. 1908 Kongo als sein Privatbesitz an den belgischen Staat abgeben.  


Belgisch-Kongo

Am 15. November 1908 wurde der Kongo-Freistaat offiziell eine Kolonie Belgiens und wurde in Belgisch-Kongo umbenannt. Nun begann der belgische Staat das rohstoffreiche Kongo auszubeuten.


Für die Bevölkerung änderte sich die Lage kaum. Wieder erhielten sie keinerlei politisches Mitspracherecht und obwohl die Zwangsarbeit offiziell am 22. März 1910 abgeschafft wurde, war die einheimische Bevölkerung weiterhin Opfer von Unterdrückung, kolonialen Gewaltverbrechen, Hunger, Überarbeitung und Krankheiten.


Kongo blieb lange Zeit eine Kolonie Belgiens. Ab den 1940er Jahren traten verschiedene Widerstandsgruppen hervor, die für die Unabhängigkeit Kongos kämpften. Erst nach schweren Unruhen, Sezessionskriegen und Ausschreitungen konnte das Land 1960 seine Unabhängigkeit erlangen. Kongo versank daraufhin jedoch in Chaos; erst 1963 konnte mit Hilfe von UN-Truppen die Auseinandersetzungen beendet werden. 


Kongo und Belgien heute

Kongo erwirtschaftete unter der Schreckensherrschaft Leopolds II. schätzungsweise umgerechnet zwischen 125 Millionen und 500 Millionen Euro im Zeitraum von 1885 bis 1908. Mit diesem Geld wurden unter anderem Prachtbauten, wie das heutige "Königliche Museum für Zentral-Afrika", errichtet.

Auch viele Statuen und Denkmäler wurden für König Leopold II. errichtet, wie zum Beispiel Statuten mit dem Titel "Helden der Kolonialzeit", wobei manche nach etlichen Protesten bereits entfernt wurden. 



Abb. 4: Statue von Leopold II. in Brüssel 

via deutschlandfunkkultur.de


Die Aufarbeitung aller Grausamkeiten, die der Bevölkerung Kongos angetan wurden wird durch den Mangel an Quellen und Zeugnissen der Opfer erschwert. Hinzu kommt, dass Kongo immer noch unter den Folgen der Herrschaft Leopolds II. sowie der belgischen Kolonialzeit leidet.


Belgische Kolonien - Alles auf einen Blick

Hier sind die wichtigsten Stichpunkte noch einmal kurz und knapp aufgelistet:


  • Belgische Kolonialbestreben schon seit 1830 - scheiterte an mangelnden Resourcen
  • Hauptkolonien Belgiens: Kongo-Freistaat (ca. 1885 - 1908), danach Belgisch-Kongo (1908 - 1960) / Ruanda-Urundi (heute Ruanda und Burundi) (1916 - 1962)


Kongo-Freistaat:

  • Erste Bemühungen Leopold II. mit Stanley um Kongo - ungerechte Kaufverträge mit einheimischen Häuptlingen  
  • Kongo-Konferenz: Kongo wird Eigentum der belgischen Krone - Privatbesitz Leopold II.
  • Politik Leopolds II. bahnte Weg zum Kongogräuel


Kongogräuel:

  • systematische Ausbeutung des Kongo-Freistaats und der einheimischen Bevölkerung im Zeitraum von ca. 1888 und 1908
  • Einheimischen durch Tötungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Geiselnahmen versklavt
  • Kautschukgewinnung basierend auf Zwangsarbeit
  • Gräueltaten der Force Publique
  • Nach Empörung der Öffentlichkeit: Leopold II. muss Kongo an den Staat Belgiens übergeben


Belgisch-Kongo:

  • 15. November 1908: Kongo-Freistaat offiziell eine Kolonie Belgiens
  • Kolonialmacht Belgien setzt Ausbeutung des Kongos fort
  • Ende der Kolonialherrschaft über Kongo erst 1960
  • nur mäßige Aufarbeitung der Schandtaten Belgiens
  • Kongo leidet bis heute unter Folgen des belgischen Imperialismus


Fertig! Jetzt weißt du alles, was du über Belgische Kolonien wissen musst. Wenn du mehr über Imperialismus erfahren möchtest, findest du auf StudySmarter noch weitere spannende Artikel zu diesem Thema!








Belgische Kolonien - Das Wichtigste auf einen Blick

  • Belgische Kolonialbestreben schon seit 1830 - scheiterte an mangelnden Resourcen
  • Hauptkolonien Belgiens: Kongo-Freistaat (ca. 1885 - 1908), danach Belgisch-Kongo (1908 - 1960) / Ruanda-Urundi (heute Ruanda und Burundi) (1916 - 1962)
  • Kongo-Konferenz: Kongo wird Eigentum der belgischen Krone - Privatbesitz Leopold II.
  • Politik Leopolds II. bahnte Weg zum Kongogräuel
  • systematische Ausbeutung des Kongo-Freistaats und der einheimischen Bevölkerung im Zeitraum von ca. 1888 und 1908
  • 15. November 1908: Kongo-Freistaat offiziell eine Kolonie Belgiens
  • Kolonialmacht Belgien setzt Ausbeutung des Kongos fort
  • Ende der Kolonialherrschaft über Kongo erst 1960
  • nur mäßige Aufarbeitung der Schandtaten Belgiens 

Häufig gestellte Fragen zum Thema Belgische Kolonien

Die systematische Ausbeutung des Kongo-Freistaats und der einheimischen Bevölkerung im Zeitraum von ca. 1888 und 1908.

  • Hauptkolonien Belgiens: Kongo-Freistaat (ca. 1885 - 1908), danach Belgisch-Kongo (1908 - 1960) / Ruanda-Urundi (heute Ruanda und Burundi) (1916 - 1962)

Unter der 23 Jahre langen Herrschaft Leopolds II. kamen rund 10 Millionen Kongolesen ums Leben. Volkszählungen ergaben, dass die Hälfe der kongolesischen Bevölkerung dabei getötet wurde.

Eine systematische Ausbeutung des Kongo-Freistaats und Gräueltaten gegen die einheimischen Bevölkerung.

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