Sapir-Whorf-Hypothese

Aus seinen Arbeiten und denen seines Lehrers, dem Sprachwissenschaftler Edward Sapir, verfasste der amerikanische Linguist Benjamin Lee Whorf in den 1950er-Jahren eine bis heute kontrovers diskutierte Annahme: Die sogenannte Sapir-Whorf-Hypthese:

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Inhaltsangabe

    Die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese geht davon aus, dass die Sprache das menschliche Denken beeinflusst.

    Sapir-Whorf-Hypothese – Definition / Zusammenfassung

    Die Hypothese beinhaltet zwei Aussagen, wobei die eine einen radikaleren Ansatz verfolgt, als die andere. Beide Thesen bemessen, wie stark die Sprache das Denken beeinflussen soll. Dabei bezeichnet die erste These das Prinzip der sprachlichen Relativität, die zweite den sprachlichen Determinismus.

    Beim Prinzip der sprachlichen Relativität geht es um Einflüsse aus der Umwelt, die je nach Sprache im Gehirn unterschiedlich eingeordnet werden.

    Laut dem sprachlichen Determinismus formt hingegen das System aus Wortschatz und Syntax das Denken. Der sprachliche Determinismus geht also viel weiter, denn er schreibt der Sprache eine einflussreiche Rolle zu.

    Benjamin Lee Whorf (1897–1941) war ein ausgebildeter US-amerikanischer Chemieingenieur, widmete sich aber auch der Sprachwissenschaft (Linguistik). Als Chemieingenieur war Whorf bei einer Feuerversicherung tätig.

    Edward Sapir (1884–1939) war ein US-amerikanischer Linguist und Ethnologe. Dabei erforschte er die Vielfalt von Ethnien, sozialen Gruppen und Organisationen. Unter anderem war er auch Professor für Anthropologie und Linguistik an der prestigereichen Yale University in Connecticut.

    In vielen seiner linguistischen Publikationen bringt Benjamin Whorf Erfahrungen aus seiner Arbeit mit Branduntersuchungen an. Er arbeitete als Brandverhütungs-Inspektor bei einer Versicherungsgesellschaft. Unter anderem berichtet er von einem Fall, in dem ein Mann wegen eines sprachlichen Missverständnisses einen Brand verursacht hatte:

    Eine Flasche, gefüllt mit hochentzündlichem Material hatte die Aufschrift "highly inflammable". Zu Deutsch bedeutet das "hochentflammbar". Der Mann hatte aber gedacht, inflammable würde "nicht-entflammbar" heißen. Schließlich wird convenient auch mit "praktisch" und inconvenient mit "unpraktisch" übersetzt. Der Mann stellte die Flasche gefüllt mit vermeintlich nicht-entflammbarer Flüssigkeit neben eine Heizung und im Haus begann es, zu brennen.

    Das Prinzip der linguistischen Relativität

    "Relativität" bedeutet Abhängigkeit.

    Das Prinzip der linguistischen Relativität besagt, dass Menschen, abhängig von ihrer Sprache, Reize aus ihrer Umwelt geistig unterteilen und einordnen. Die Kategorisierung der Informationen im Gehirn ist also abhängig von der Sprache, mit der sich die jeweilige Person verständigt.

    Ein beliebtes Beispiel ist die Wahrnehmung von Farben. Auf Italienisch gibt es für die deutsche Grundfarbe "blau" zwei Grundfarben: "azzurro" für helleres und "blu" für dunkleres Blau. Nach Whorf und Sapir würde eine Person, die Italienisch spricht und einen Blauton sieht, diesen im Kopf anders abspeichern als eine deutschsprachige Person.

    Der linguistische Determinismus

    Der linguistische Determinismus bildet sich aus der linguistischen Relativität und besagt, dass die Sprache das

    • menschliche Denken,
    • die Wahrnehmungen und
    • Erinnerungen

    determiniert (steuert).

    Gedanken werden nicht direkt in Sprache übersetzt, sondern das linguistisches System und die Grammatik formen diese Gedanken erst. Innerhalb dieses Ansatzes gibt es keine Objektivität. Menschen denken und nehmen demnach nur das wahr, was sie auch in Worten ausdrücken können.

    Das linguistische System einer Sprache enthält ihren Aufbau und ihre Regeln. Eine Regel im linguistischen System des Deutschen ist zum Beispiel, dass jeder deutsche Satz ein Verb enthalten muss.

    Der linguistische Determinismus zeigt sich zum Beispiel darin, dass Menschen, die Deutsch, Englisch oder Spanisch sprechen, von links nach rechts schreiben. Auf die gleiche Art werden auch zeitliche Abfolgen sortiert.

    In arabischen Sprachen ist dies jedoch andersherum. Hier wird von rechts nach links gelesen und auch die zeitliche Abfolge folgt diesem Prinzip.

    Sapir und Whorf bezeichnen das linguistische System auch als Schema, weil es den Rahmen für das menschliche Denken bilden soll.

    Sapir-Worf-Hypothese – Beispiele

    Whorf versuchte, seine These anhand von Beispielen zu beweisen.

    Nach ihm haben die Inuit (die indigenen Volksgruppen der Arktis) verschiedene Bezeichnungen für Schnee, anstatt nur den Oberbegriff, den man etwa im Deutschen verwendet. Ein allgemeines Konzept von "Schnee" ist nach Whorfs Vorstellung für die Inuit undenkbar. Für sie gibt es keinen Schnee, nur die Unterarten davon, also zum Beispiel "feinen Schnee", "festen Schnee" und so weiter. Aber keinen "Schnee" als Sammelbegriff.

    Ein weiteres Beispiel für Whorfs These:

    Das Volk der Hopi (indigenes Volk der Vereinigten Staaten) benutzt, so Whorf, in seiner Sprache keine Zeitformen und hat darum auch kein Konzept von Zeit. Dies soll seiner Meinung nach zeigen, dass man sich Konzepte nicht vorstellen kann, wenn man keine sprachliche Formulierung dafür hat.

    Die Behauptungen über die Hopi und die Inuit haben sich inzwischen als falsch herausgestellt, denn Whorfs Beispiele litten unter einem Zirkelschluss.

    Sapir-Whorf-Hypothese – Kritik

    Die radikalere Auslegung der Sapir-Whorf-Hypothese, nach der das Denken vollständig an die Sprache gebunden ist, gilt inzwischen als überholt. Die moderatere Version, nach der die Sprache das Denken bis zu einem gewissen Grad beeinflusst, wird aber noch anerkannt.

    Die Sapir-Whorf-Hypothese wird an vielen Stellen kritisiert, weil sich zum Beispiel Whorfs Behauptungen über die Sprache des indigenen Volks der Hopi und die der Inuit als falsch herausgestellt haben. Er bezog sein Wissen nämlich aus Sekundärquellen und überprüfte diese nicht empirisch.

    Als Gegenposition zu Sapir-Whorf treten die Nativisten auf: Besonders bekannt sind hier der amerikanische Linguist Noam Chomsky und der amerikanische Psychologe und Wissenschaftler Steven Pinker. Sie sind überzeugt, dass Menschen mit gewissen angeborenen Fähigkeiten auf die Welt kommen und nicht im Sinne der tabula rasa erst alles im Laufe ihres Lebens durch die Interaktion mit der Umwelt erlernen.

    Tabula rasa bezeichnet ursprünglich eine unbeschriebene Wachstafel. Als Menschenbild repräsentiert die tabula rasa die Vorstellung, dass Menschen als "unbeschriebenes Blatt" auf die Welt kommen und komplett in Interaktion mit ihrer Umwelt geformt werden.

    Aktualität der Sapir-Whorf-Hypothese – Beispiele

    Welche Aktualität kann der Sapir-Whorf-Hypothese nachgesagt werden? Wo konnte sie bestätigt werden?

    Zahlwörter

    Das Volk der Pirahã lebt am Amazonas und nutzt keine genauen Zahlwörter, sondern nur Mengenangaben wie "wenig", "recht wenig" und "viele/genug".

    Daniel Everett, US-amerikanischer Sprachwissenschaftler, untersuchte 2014 das Volk und hat dabei beobachtet, dass die Pirahã Mengen von Gegenständen über einer Anzahl von drei nicht klar voneinander trennen konnten. Zeigte man ihnen zum Beispiel einen Haufen von vier Steinen und einen von fünf, konnten diese die Haufen oft nicht voneinander unterscheiden. Durch den Aufbau ihrer Sprache fällt es ihnen also schwerer, in Zahlen zu denken.

    Lageangaben

    Das Volk der Kuuk Thaayorre aus Australien nutzt die Himmelsrichtungen, um anzugeben, wo etwas ist. Um beispielsweise zu beschreiben, wo ein Glas Wasser steht, würden wir zum Beispiel "Das Glas steht links von der Kanne" sagen. Die Kuuk Thaayorre hingegen würden sagen: "Das Glas steht östlich von der Kanne".

    Da sie häufig die Himmelsrichtungen in ihrem Sprachgebrauch verwenden, können Khuuk Thaayorre sich auch besonders gut orientieren.

    Demnach beeinflusst Sprache in bestimmten Fällen auch die kognitiven Fähigkeiten.

    Grammatische Konstruktionen

    Die US-Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des linguistischen Relativitätsprinzips. Sie und ihre Studentin Caitlin Fausey haben zwischen 2010 und 2011 den Einfluss von grammatischen Konstruktionen auf die Erinnerungsleistung erforscht:

    In einem Experiment wurden Personen aus Spanien, Japan und Deutschland zwei Videos gezeigt. Im ersten Video wurde ein Mann präsentiert, der mit Absicht eine Vase auf den Boden stößt. Nach dem Betrachten des Videos konnten alle Teilnehmenden sich gleich gut an den Täter erinnern.

    Im zweiten Video hingegen stieß ein Mann versehentlich eine Vase zu Boden. Befragte man nun die Versuchspersonen, nachdem sie das Video gesehen hatten, konnten sich die deutschen Proband*innen besser an den "Täter" erinnern, als die japanischen und spanischen Testpersonen.

    Dieses Phänomen kann man im Sinne der Sapir-Whorf-Hypothese erklären: Wenn etwas umgeworfen wird, drückt man dies im Japanischen und Spanischen im Passiv aus, etwa mit "Die Vase zerbrach sich". Im Deutschen würde man dagegen sagen "Der Mann zerbricht die Vase versehentlich".

    Das grammatische Geschlecht

    In einem weiteren Experiment von Lera Boroditsky von 2010 wurden Proband*innen gebeten, ein Foto einer Brücke zu beschreiben. Im Deutschen heißt das Wort "die" Brücke, auf Französisch le pont (übersetzt: "der" Brücke).

    Die Befragten aus Deutschland ordneten der Brücke eher feminine Beschreibungen wie etwa "schön" oder "elegant" zu. Französische Befragte wählten hingegen eher männlich konnotierte Ausdrücke wie "gigantisch" und "kräftig".

    Daraus könnte man ableiten, dass das Geschlecht, das einem Gegenstand durch die Sprache zugeschrieben wird, sich auf die Assoziationen mit dem besagten Gegenstand auswirkt.

    Wir haben rund um die Sprachuntersuchung noch weitere spannende Artikel, wie etwa den über das Thema "Dialekt". Schau doch gerne mal rein!

    Sapir-Whorf-Hypothese - Das Wichtigste

    • Der Linguist Benjamin Whorf entwickelte in den 1950er-Jahren anhand der Thesen seines Lehrers, des Sprachwissenschaftlers Edward Sapir, die Sapir-Whorf-Hypothese.
    • Die Sapir-Whorf Hypothese sagt aus, dass die Sprache einen Einfluss auf das Denken hat. Je nach ihrer Sprache nehmen Menschen die Welt also unterschiedlich wahr.
      • In der radikaleren Auslegung der Hypothese steuert die Sprache das Denken komplett.
      • In der moderateren Auslegung der Hypothese besteht nur ein begrenzter Einfluss der sprachlichen Systeme auf das menschliche Denken.
    • Die gegenteilige Position von Sapir und Whorf vertreten die Nativisten. Sie glauben, dass Menschen mit bestimmten Fähigkeiten auf die Welt kommen und sie nicht erst im Laufe ihres Lebens erlernen. Sie gehen also von mehr Gleichheit innerhalb der verschiedenen Wahrnehmungen von Menschen aus.
    • Moderne Belege der Sapir-Whorf Hypothese finden sich unter anderem in der Auseinandersetzung mit Naturvölkern.
    Häufig gestellte Fragen zum Thema Sapir-Whorf-Hypothese

    Was besagt die Sapir-Whorf-Hypothese?

    Die Sapir-Whorf Hypothese besagt, dass die Sprache eines Menschen sein Denken beeinflusst. In der "moderateren" Form der Hypothese ist dieser Einfluss eher klein, in der "radikaleren" Form steuert die Sprache das Denken vollständig.

    Was ist ein Beispiel für die Sapir-Whorf- Hypothese?

    Ein Beispiel für die Whorf-Sapir-Methode kann man experimentell feststellen. Bittet man Französischsprechende und Deutschsprechende, die gleiche Brücke zu beschreiben, benutzen Deutsche dafür eher feminine Wörter wie "schön" und "elegant". Französischsprechende beschreiben die Brücke eher als "kräftig" und "gigantisch". Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Brücke auf Deutsch einen weiblichen Artikel trägt, auf Französisch einen männlichen, "le pont". Das Geschlecht, das die Sprache einem Gegenstand zuweist, beeinflusst die Vorstellung davon.

    Kann man laut Whorf ohne Sprache denken?

    In ihrer radikaleren Auslegung kann man nach der Sapir-Whorf Hypothese ohne Sprache nicht denken. Das liegt daran, dass die Sprache den Rahmen, das Schema fürs Denken bildet. Ist kein Schema vorhanden, kann man auch nicht denken, so Whorf.

    Warum linguistisches Relativitätsprinzip?

    Das linguistische Relativitätsprinzip sagt aus, dass Menschen die gleiche Realität nicht gleich Erleben. Dies ist nach Sapir und Whorf auf die Sprache zurückzuführen, in die Menschen die Reize um sich herum einordnen. Relativität bedeutet Abhängigkeit, das Erleben ist von der Sprache abhängig.

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