Was sind Mnemotechniken?
Mnemotechniken sind Merkhilfen, die abstrakten Stoff in Bilder, Geschichten oder Merksätze verwandeln. Unser Gedächtnis merkt sich Anschauliches viel besser als trockene Fakten. Eselsbrücken sind die einfachste und bekannteste Form davon.
Das Wort Mnemotechnik geht auf Mnemosyne zurück, in der griechischen Mythologie die Göttin der Erinnerung. Gemeint ist jede Technik, die das Einprägen erleichtert, indem sie schwer merkbaren Stoff mit etwas verknüpft, das leicht im Kopf bleibt. Statt eine Liste stur zu wiederholen, baut Ihr Kind eine Brücke vom Neuen zum Vertrauten.
Warum das funktioniert: Dual Coding
Der Gedächtnisforscher Allan Paivio beschrieb in seiner Theorie des dualen Codierens (Dual Coding), dass Informationen besser haften, wenn sie zugleich sprachlich und bildhaft gespeichert werden. Ein nüchterner Fakt liegt nur auf einer Spur im Gedächtnis. Verbindet man ihn mit einem Bild, entstehen zwei Spuren, und das Wissen lässt sich über zwei Wege wieder abrufen.
Besonders wirksam sind dabei lebhafte, ungewöhnliche oder leicht absurde Bilder. Eine sprechende Karotte mit Hut bleibt eher im Kopf als eine gewöhnliche Karotte. Genau dieses Prinzip nutzen alle Mnemotechniken, von der einfachen Eselsbrücke bis zur Loci-Methode.
Mnemotechniken helfen beim Einprägen und schnellen Abrufen. Sie ersetzen aber kein Verstehen. Am besten versteht Ihr Kind den Stoff zuerst und nutzt die Merkhilfe dann, um Reihenfolgen, Begriffe oder Vokabeln zu verankern.
Die wichtigsten Mnemotechniken im Überblick
Mnemotechnik ist ein Oberbegriff. Darunter fallen mehrere Techniken, die sich in Aufwand und Einsatzgebiet unterscheiden:
- Eselsbrücken (Merksätze). Die einfachste Form: ein Reim, ein Merksatz oder eine Buchstabenkette für schwer merkbaren Stoff. Ideal für Reihenfolgen und Verwechslungsgefahren. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.
- Geschichtentechnik. Mehrere Begriffe werden zu einer kleinen, möglichst verrückten Geschichte verkettet. Gut für Listen, die in fester Reihenfolge sitzen müssen.
- Zahl-Reim-System. Zahlen werden mit Reimwörtern verbunden (eins/Bein, zwei/Ei), um sich Ziffernfolgen oder nummerierte Listen zu merken.
- Loci-Methode (Gedächtnispalast). Begriffe werden gedanklich an Orten entlang eines vertrauten Weges abgelegt. Die stärkste, aber auch aufwendigste Technik, vor allem für lange Listen. Sie ist auf einer eigenen Seite ausführlich erklärt.
Für den Schulalltag sind Eselsbrücken die mit Abstand häufigste Form. Deshalb stehen sie hier im Mittelpunkt.
Eselsbrücken: die einfachste Merkhilfe
Was ist eine Eselsbrücke?
Eine Eselsbrücke ist eine kleine Merkhilfe, die etwas Schwieriges mit etwas Leichtem verbindet, meist über einen Merksatz, einen Reim oder die Anfangsbuchstaben. Der Legende nach stammt der Begriff daher, dass Esel ungern durch Wasser gehen und man ihnen kleine Brücken baute, um sie über Bäche zu führen. Ob das die wahre Herkunft ist, lässt sich nicht sicher belegen, das Bild passt aber gut: eine Brücke über eine Stelle, die das Gedächtnis sonst nur schwer überquert.
Eselsbrücken sind so verbreitet, dass die meisten Kinder schon welche kennen, ohne den Begriff Mnemotechnik je gehört zu haben. Hier eine Auswahl bewährter, zeitloser Beispiele nach Schulfach:
| Fach | Eselsbrücke | Wofür |
|---|---|---|
| Mathematik | „Punkt vor Strich" | Mal und Geteilt werden vor Plus und Minus gerechnet. |
| Geografie | „Nie ohne Seife waschen" | Himmelsrichtungen im Uhrzeigersinn: Norden, Osten, Süden, Westen. |
| Musik | „Frische Brötchen essen Greta, Hänsel, Anton, Emil" (E-D-G-B-E spiegelverkehrt) bzw. der Klassiker für die Notenlinien | Reihenfolge der Notenlinien sicher merken. |
| Astronomie | „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere Nachbarschaft" | Die acht Planeten der Reihe nach: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun. |
| Deutsch | „Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich" | nämlich wird ohne h geschrieben. |
| Biologie | „Schwein gehabt" | Brücke zum Merken, dass Wale Säugetiere sind: warmes Blut, Lunge, Milch, kein Fisch. |
Manche alten Eselsbrücken sind überholt. Der Planeten-Merksatz mit neun Planeten gilt nicht mehr, seit Pluto 2006 als Zwergplanet eingestuft wurde. Es sind acht Planeten. Auch Merksätze für politische Amtsreihen veralten schnell. Setzen Sie auf zeitlose Brücken wie oben.
So baut Ihr Kind eigene Eselsbrücken
Selbst erfundene Eselsbrücken bleiben besser haften als vorgefertigte, weil das Kind dabei aktiv über den Stoff nachdenkt. So geht es Schritt für Schritt:
- 1Das Schwierige herauslösen. Genau den Punkt benennen, der nicht hängenbleibt, etwa eine Reihenfolge oder ein leicht verwechselbares Wort.
- 2Anfangsbuchstaben oder Klang nutzen. Aus den Anfangsbuchstaben einen Satz bilden oder das Wort mit einem ähnlich klingenden bekannten Wort verbinden.
- 3Ein Bild daraus machen. Den Merksatz in ein möglichst lebhaftes, ungewöhnliches Bild verwandeln. Je verrückter, desto besser bleibt es haften.
- 4Persönlich machen. Das Kind die Eselsbrücke selbst erfinden lassen. Eigene Brücken sind oft albern, aber genau das hilft beim Merken.
- 5Einmal abrufen. Direkt nach dem Erfinden einmal ohne Hinschauen aufsagen. So wird aus der Idee eine abrufbare Merkhilfe.
Bei Vokabeln hilft die Schlüsselwort-Technik: Das fremde Wort mit einem ähnlich klingenden deutschen Wort verbinden und beides zu einem Bild verknüpfen. Beim englischen bridge (Brücke) stellt sich Ihr Kind eine Brücke aus Brettern vor. Mehr dazu im Ratgeber Vokabeln lernen.
Weitere Techniken kurz erklärt
Wenn Eselsbrücken an ihre Grenze kommen, etwa bei langen Listen, helfen diese Techniken weiter.
Geschichtentechnik
Mehrere Begriffe werden zu einer kleinen Geschichte verkettet, in der ein Wort das nächste auslöst. Für eine Einkaufsliste mit Apfel, Kerze und Hund stellt sich Ihr Kind vor, wie ein Apfel eine Kerze anzündet, an der sich ein Hund den Schwanz verbrennt. Je bildhafter und absurder, desto besser sitzt die Reihenfolge.
Körperliste
Eine einfache Variante der Loci-Methode für jüngere Kinder: Begriffe werden der Reihe nach an Körperstellen geheftet, von Kopf bis Fuß. Der erste Begriff sitzt auf dem Kopf, der zweite an den Augen und so weiter. Beim Abrufen wandert das Kind den Körper entlang.
Zahl-Reim-System
Zahlen werden mit Reimwörtern verbunden, zum Beispiel eins mit Bein, zwei mit Ei, drei mit Brei. Soll sich Ihr Kind eine nummerierte Liste merken, verknüpft es jeden Punkt mit dem passenden Reimbild. So lassen sich auch Ziffernfolgen leichter behalten.
Wer regelmäßig lange Listen merken muss, kommt mit der Loci-Methode am weitesten. Sie ist die Königsdisziplin der Gedächtniskünstler. Wie der Gedächtnispalast Schritt für Schritt funktioniert, zeigt unser eigener Ratgeber zur Loci-Methode.
Vom Merksatz zum dauerhaften Wissen
Eine Eselsbrücke ist nur die halbe Miete. Sie hilft enorm beim ersten Einprägen, weil sie schwer Merkbares anschaulich macht. Damit der Stoff aber wirklich sitzt und auch in Wochen noch abrufbar ist, braucht es Wiederholung.
Die beste Kombination sieht so aus: Ihr Kind versteht den Stoff, verankert das Schwierige mit einer Merkhilfe und wiederholt das Ganze dann mit wachsenden Abständen. Dieses verteilte Wiederholen, in der Forschung Spaced Repetition genannt, sorgt dafür, dass aus dem kurzfristigen Merken dauerhaftes Wissen wird. Wie verteiltes Lernen und aktives Abrufen zusammenspielen, lesen Sie ausführlich im Ratgeber zu den Lernmethoden.
Karteikarten: Mnemotechnik auf einen Blick
Tippen oder klicken Sie, um die Karte umzudrehen. Genau so funktioniert aktives Abrufen, nur eben automatisiert.
Selbst-Check: Merkhilfe oder Mythos?
Vier typische Alltagssituationen. Überlegen Sie kurz, dann die Auflösung anzeigen.
Ja. Das ist eine klassische Eselsbrücke: Die Anfangsbuchstaben stehen für Norden, Osten, Süden, Westen im Uhrzeigersinn. Genau dafür sind Merksätze ideal.
Nein. Seit 2006 gilt Pluto als Zwergplanet, es sind acht Planeten. Nutzen Sie eine aktuelle Variante mit acht Begriffen, sonst lernt Ihr Kind etwas Falsches.
Am besten selbst erfinden. Wer eine Merkhilfe selbst baut, denkt aktiv über den Stoff nach. Genau diese Anstrengung lässt die Brücke besser haften als eine fertige.
Nein. Die Merkhilfe hilft beim Einprägen, aber ohne Wiederholung verblasst auch sie. Über die zwei Wochen ein paar Mal kurz abrufen (Spaced Repetition), dann sitzt es.