Was sind Lerntypen?
Lerntypen sind die Idee, dass jeder Mensch über einen bevorzugten Sinneskanal am besten lernt, etwa über Sehen, Hören oder Anfassen. Bekannt wurde das Modell durch Frederic Vester in den 1970er Jahren. Es ist eingängig und weit verbreitet, wissenschaftlich aber nicht belegt.
Kaum eine Idee über das Lernen ist so verbreitet wie die der Lerntypen. Wer in der Schulzeit war, kennt sie: Der eine merke sich Dinge besser, wenn er sie sieht, der andere, wenn er sie hört, ein dritter, wenn er sie anfasst. Daraus folgt scheinbar logisch, man müsse nur den richtigen Kanal finden, dann läuft das Lernen wie von selbst.
Populär gemacht hat diese Vorstellung der Biochemiker und Kybernetiker Frederic Vester. In seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen" (1975) beschrieb er verschiedene Eingangskanäle, über die Wissen ins Gehirn gelangt. Das Modell war anschaulich und fand schnell den Weg in Schulen, Ratgeber und Lerntyp-Tests. Bis heute gilt es vielen Eltern und sogar Lehrkräften als gesichertes Wissen. Genau das ist das Problem, denn die Forschung sieht das anders.
Bevor wir die Theorie einordnen, schauen wir uns trotzdem an, wie die Einteilung üblicherweise aussieht. Denn die Begriffe begegnen Ihnen überall, und es hilft zu wissen, was gemeint ist.
Welche Lerntypen gibt es?
Die bekanntesten Lerntypen sind die vier nach Vester: der visuelle (Lernen über Sehen), der auditive (über Hören), der haptische (über Anfassen und Bewegung) und der kommunikative Typ (über Gespräch). Diese Einteilung ist die geläufigste, daneben kursieren weitere Modelle mit drei bis sieben Typen.
Die vier Lerntypen werden meist so beschrieben, mit einem typischen Alltagsbeispiel aus dem Familienleben:
1. Visueller Lerntyp (Sehen)
Lernt angeblich am besten über Bilder, Grafiken, Farben und Geschriebenes. Im Alltag erkennt man ihn daran, dass Ihr Kind gern mit bunten Markern arbeitet, Mindmaps malt oder sich Dinge merkt, sobald es sie einmal aufgeschrieben hat.
2. Auditiver Lerntyp (Hören)
Lernt angeblich am besten über das Ohr: zuhören, laut vorlesen, erklären lassen. Das Kind, das beim Lernen vor sich hin murmelt, sich Audioaufnahmen anhört oder den Stoff am liebsten erklärt bekommt, gilt als auditiver Typ.
3. Haptischer Lerntyp (Anfassen und Bewegung)
Auch motorischer oder kinästhetischer Typ genannt. Soll am besten durch Anfassen, Ausprobieren und Bewegung lernen. Typisch wäre das Kind, das beim Lernen herumläuft, Experimente machen will oder Dinge nachbaut.
4. Kommunikativer Lerntyp (Gespräch)
Lernt angeblich am besten im Austausch: in Diskussionen, Lerngruppen, durch Fragen und Antworten. Das Kind, das den Stoff am liebsten mit anderen durchspricht, gilt als kommunikativer Typ.
Diese Beschreibungen klingen vertraut, weil sie echte Vorlieben treffen. Fast jedes Kind hat eine Vorliebe für einen Kanal. Der entscheidende Punkt kommt im nächsten Abschnitt: Eine Vorliebe ist nicht dasselbe wie ein Lerntyp, der über den Erfolg entscheidet.
Stimmt die Lerntypen-Theorie?
Die Lerntypen-Theorie stimmt wissenschaftlich nicht. Untersuchungen wie die vielzitierte Übersichtsarbeit von Pashler et al. (2008) fanden keinen Beleg, dass Kinder besser lernen, wenn der Unterricht an ihren Lerntyp angepasst wird. Vorlieben gibt es, einen messbaren Effekt auf den Lernerfolg nicht.
Das ist der ehrliche Kern dieses Ratgebers, und genau hier weichen wir von vielen anderen Seiten ab: Die Lerntypen-Theorie ist eingängig, aber sie hält der Forschung nicht stand. Das klingt zunächst ernüchternd, ist für Sie als Eltern aber eine Entlastung. Sie müssen keinen Typ bestimmen und keine teuren Tests machen. Schauen wir uns an, was die Wissenschaft tatsächlich herausgefunden hat.
Die zentrale Übersicht: Pashler et al. (2008)
Eine vielzitierte Arbeit von Pashler, McDaniel, Rohrer und Bjork, erschienen 2008 in der Fachzeitschrift „Psychological Science in the Public Interest", wertete die vorhandene Forschung systematisch aus. Das Ergebnis: Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass Lernende besser abschneiden, wenn der Unterricht an ihren angeblichen Lerntyp angepasst wird. Die wenigen Studien, die sauber genug aufgebaut waren, um die These zu testen, sprachen sogar dagegen.
Der kontrollierte Test: Rogowsky et al. (2015)
Rogowsky und Kolleginnen prüften 2015 im „Journal of Educational Psychology" die These direkt im Experiment. Sie ermittelten den vermeintlichen Lerntyp von Erwachsenen und ließen sie dann Stoff entweder im „passenden" oder im „unpassenden" Format lernen. Das Ergebnis: kein Zusammenhang zwischen zugeschriebenem Lerntyp und tatsächlicher Leistung. Wer als „auditiv" galt, lernte über das Ohr nicht besser als über das Auge.
Die Effektstärke nahe null: Hattie
Der Bildungsforscher John Hattie hat in seinem großen Forschungsüberblick „Visible Learning" hunderte Einflussfaktoren auf den Lernerfolg verglichen. Die Anpassung des Unterrichts an Lerntypen landet dort bei einer Effektstärke nahe null, also praktisch ohne messbaren Nutzen. Andere Faktoren, etwa Feedback oder das aktive Üben, wirken um ein Vielfaches stärker.
Newton und Salvi werteten 2020 in „Frontiers in Education" Befragungen aus: Rund 89 Prozent von über 15.000 befragten Pädagoginnen und Pädagogen glaubten, der Unterricht solle an Lerntypen angepasst werden, obwohl die These unbelegt ist. Der Glaube ist also weit verbreitet, das macht ihn aber nicht richtig.
Hinzu kommt ein Risiko, das oft übersehen wird. Sun, Norton und Nancekivell zeigten 2023 in der Nature-Zeitschrift „npj Science of Learning", dass Lerntyp-Zuschreibungen Stereotype über die Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern verstärken können. Wird ein Kind früh in eine Schublade gesteckt („du bist halt kein Lesetyp"), kann das sein Selbstbild und seine Erwartungen prägen, und zwar in die falsche Richtung.
Vorlieben sind real. Ihr Kind schaut vielleicht lieber ein Erklärvideo als einen Text zu lesen. Das ist völlig in Ordnung und ein guter Einstieg. Nur entscheidet nicht der Kanal über den Erfolg, sondern was danach passiert: Wird der Stoff aktiv abgerufen oder nur passiv konsumiert? Genau darum geht es in den wirksamen Lernmethoden.
Wie lernt Ihr Kind am besten?
Vier typische Alltagssituationen. Überlegen Sie kurz, was Sie raten würden, dann die Auflösung anzeigen. Sie werden merken: Die Antwort ist nie ein Lerntyp, sondern immer eine Methode.
Nein. Nur Hören ist passiv. Wirksam ist aktives Abrufen: das Wort abdecken und selbst aufsagen oder hinschreiben, dazu verteiltes Wiederholen über mehrere Tage. Das wirkt unabhängig vom angeblichen Typ.
Teils. Eine Mindmap ordnet Stoff, aber das Anmalen allein verankert nichts. Entscheidend ist, die Karte danach zuzudecken und frei wiederzugeben. Das Erstellen ist Einstieg, das Abrufen ist das Lernen.
Nein, das spart Zeit. Statt einen Typ zu testen, lassen Sie Ihr Kind gemischte Aufgaben üben (Interleaving) und Aufgaben aus dem Gedächtnis lösen. In Mathe zählt das Anwenden, nicht der bevorzugte Sinneskanal.
Wahrscheinlich nicht. Videos erzeugen ein trügerisches Sicherheitsgefühl. Lassen Sie Ihr Kind danach das Wichtigste aus dem Kopf zusammenfassen oder es Ihnen erklären. Erst dann zeigt sich, was wirklich hängengeblieben ist.
Was hilft wirklich beim Lernen?
Wirklich beim Lernen hilft nicht der passende Kanal, sondern die passende Methode. Am besten belegt sind aktives Abrufen (sich selbst abfragen statt nur lesen) und verteiltes Lernen (über mehrere Tage wiederholen statt am Stück). Beide wirken bei nahezu allen Kindern, unabhängig vom angeblichen Lerntyp.
Die gute Nachricht: Statt einen Lerntyp zu suchen, können Sie Ihr Kind direkt auf das lenken, was nachweislich funktioniert. Zwei Methoden stechen in der Forschung klar heraus.
Aktives Abrufen (Active Recall)
Statt den Text noch einmal zu lesen, ruft Ihr Kind das Wissen aktiv aus dem Gedächtnis ab, etwa mit Karteikarten oder indem es eine Frage frei beantwortet. Genau diese Anstrengung festigt das Gelernte am stärksten. Lernende, die sich selbst abfragen, schneiden in Studien deutlich besser ab als solche, die denselben Stoff nur wiederholt lesen, und das ganz ohne Rücksicht auf einen vermeintlichen Lerntyp.
Verteiltes Lernen (Spaced Repetition)
Eine Stunde an fünf Tagen schlägt fünf Stunden an einem Tag. Wenn Ihr Kind denselben Stoff mit Abstand mehrfach wiederholt, bleibt er deutlich länger hängen als beim Pauken in letzter Minute. Schon drei kurze Wiederholungen über eine Woche machen einen großen Unterschied.
Lerntyp-Mythos und wissenschaftlicher Stand im Vergleich
Wo die gängige Lerntypen-Vorstellung von dem abweicht, was die Forschung tatsächlich sagt, zeigt dieser direkte Vergleich.
| Lerntyp-Mythos | Wissenschaftlicher Stand |
|---|---|
| Jeder Mensch hat einen festen Lerntyp. | Nicht belegt. Es gibt Vorlieben, aber keinen Typ, der den Erfolg bestimmt (Pashler et al., 2008). |
| Wer „typgerecht" unterrichtet wird, lernt besser. | Kein Effekt. Kontrollierte Tests fanden keinen Zusammenhang (Rogowsky et al., 2015). |
| Die Anpassung an den Lerntyp bringt viel. | Effektstärke nahe null im Forschungsüberblick (Hattie, Visible Learning). |
| Lehrkräfte wissen, dass Lerntypen funktionieren. | 89 % glauben es, ohne Beleg (Newton & Salvi, 2020). |
| Ein Lerntyp-Test zeigt, wie das Kind lernt. | Er zeigt höchstens eine Vorliebe, nicht den Lernerfolg. |
| Das passende Lernmaterial ist entscheidend. | Die wirksame Methode ist entscheidend: aktives Abrufen, verteiltes Lernen. |
Nicht fragen „Welcher Typ ist mein Kind?", sondern „Ruft mein Kind den Stoff aktiv ab und wiederholt es ihn mit Abstand?" Diese Frage bringt die Note voran, die erste nicht.
Die häufigsten Irrtümer über Lerntypen
Rund um das Thema halten sich mehrere Halbwahrheiten besonders hartnäckig. Hier die wichtigsten, kurz aufgeklärt:
- „Mein Kind kann nur über einen Kanal lernen." Niemand lernt nur visuell oder nur auditiv. Das Gehirn verknüpft Sinneseindrücke ohnehin. Eine Vorliebe ist kein Zwang und kein Limit.
- „Ein Lerntyp-Test bringt Klarheit." Der Test misst eine Vorliebe, nicht den Lernerfolg. Die Zeit ist besser in echtes Üben investiert.
- „Lerntyp und Lernstil sind etwas Verschiedenes." Beide Begriffe meinen praktisch dasselbe, im Englischen „learning styles". Auch der Lernstil-Ansatz ist nicht belegt.
Der hartnäckigste Mythos: die Lernpyramide
Vielleicht sind Sie ihr schon begegnet: einer bunten Pyramide, nach der wir angeblich „10 % von dem behalten, was wir lesen" und „90 % von dem, was wir selbst tun". Diese Zahlen tauchen in unzähligen Lerntyp-Ratgebern und Präsentationen auf, oft Frederic Vester oder einem „Edgar Dale" zugeschrieben.
Die Prozentzahlen der Lernpyramide sind nicht durch Forschung gedeckt. Sie wurden nie sauber gemessen, sondern über Jahrzehnte abgeschrieben und ausgeschmückt. Wer Ihnen exakte Werte wie „20 % vom Hören, 90 % vom Selbermachen" als Fakt verkauft, zitiert einen Mythos, keine Studie. Lassen Sie sich davon nicht zu einem Lerntyp drängen.
Der wahre Kern dahinter ist banal und längst bekannt: Aktives Tun verankert Wissen besser als passives Konsumieren. Dafür braucht es aber keine erfundenen Prozentzahlen, sondern schlicht aktives Abrufen.
Was können Sie als Eltern tun?
Die Erkenntnis, dass Lerntypen ein Mythos sind, nimmt Druck. Sie müssen keinen Typ Ihres Kindes herausfinden. Sie helfen am meisten, indem Sie auf wirksame Gewohnheiten lenken:
- Vorlieben als Einstieg nutzen, nicht als Grenze. Schaut Ihr Kind gern Videos oder spricht gern über den Stoff? Gut, nutzen Sie das, aber immer gefolgt von aktivem Abrufen.
- Abfragen statt nur lesen lassen. Decken Sie den Hefter zu und lassen Sie Ihr Kind frei wiedergeben. Das ist die wirksamste einzelne Maßnahme.
- Früh anfangen, in kleinen Einheiten. Über mehrere Tage verteilt lernen statt am Vorabend. Das ist der Spacing-Effekt in der Praxis.
- Keine Schubladen aufmachen. Vermeiden Sie Sätze wie „du bist eben kein Mathe-Typ". Solche Zuschreibungen können das Selbstbild bremsen (Sun et al., 2023).
- Das Kind erklären lassen. Lassen Sie sich Themen erklären. Wer erklären kann, hat verstanden, und merkt sofort, wo es noch hakt.
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Karteikarten: Lerntypen-Fakten auf einen Blick
Tippen oder klicken Sie, um die Karte umzudrehen. Genau so funktioniert aktives Abrufen, nur eben automatisiert.