Zertifikate Erklärung: Dein einfacher Einstieg in die Welt der Anlagezertifikate
Zertifikate klingen kompliziert, sind aber im Kern nur Versprechen von Banken. Wir erklären dir, wie sie funktionieren, warum sie für dich interessant sein können und worauf du unbedingt achten musst.
Warum du dich mit Zertifikaten beschäftigen solltest
Vielleicht hast du schon einmal von Zertifikaten gehört, etwa im Zusammenhang mit Hebelprodukten oder Index-Zertifikaten. Doch warum solltest du dich als Anleger:in überhaupt damit beschäftigen? Der Grund ist einfach: Zertifikate sind ein milliardenschwerer Markt in Deutschland, und Banken bewerben sie aktiv. Wenn du verstehst, was sie sind, kannst du besser entscheiden, ob sie zu dir passen oder ob du sie links liegen lassen solltest.
Viele Anleger:innen verwechseln Zertifikate mit Aktien oder Fonds. Das kann teuer werden, denn die Risiken sind grundlegend anders. Während du bei einer Aktie Miteigentümer:in eines Unternehmens bist, ist ein Zertifikat nur ein Schuldschein einer Bank. Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zu allem, was folgt. Wenn du sie verinnerlichst, bist du schon einen großen Schritt voraus.
Zertifikate werden oft als einfache Lösung für komplexe Anlagestrategien verkauft. Sie versprechen Zugang zu Rohstoffen, Indizes oder ausgefallenen Strategien. Doch dieser Komfort hat seinen Preis, und den zahlst du nicht nur in Gebühren, sondern auch in Form von Risiken, die du bei anderen Anlagen nicht hast. Unser Ziel ist es, dir das Werkzeug an die Hand zu geben, um diese Risiken zu erkennen.
Am Ende geht es nicht darum, Zertifikate grundsätzlich zu verteufeln. Es gibt durchaus Situationen, in denen sie für erfahrene Anleger:innen sinnvoll sein können. Aber für dich als Einsteiger:in ist es wichtiger, die Mechanismen zu verstehen, bevor du auch nur einen Euro investierst. Dieser Artikel ist dein Fahrplan durch den Dschungel der Begriffe und Produkte.
Was sind Zertifikate überhaupt? Die Grundlagen
Ein Zertifikat ist ein Wertpapier, das von einer Bank ausgegeben wird. Es bildet die Wertentwicklung eines sogenannten Basiswerts ab, zum Beispiel eines Aktienindex wie dem DAX, einer einzelnen Aktie, eines Rohstoffs wie Gold oder sogar eines Korbes von Währungen. Du kaufst also nicht den Basiswert selbst, sondern ein Versprechen der Bank, dir eine bestimmte Entwicklung auszuzahlen.
Stell dir vor, du möchtest auf den DAX wetten, ohne alle 40 Aktien einzeln zu kaufen. Ein Zertifikat der Bank macht genau das möglich: Es spiegelt die prozentuale Veränderung des DAX wider. Steigt der DAX um ein Prozent, steigt auch der Wert deines Zertifikats um ein Prozent. Das klingt erst einmal praktisch, und genau das ist der Kern der Zertifikate-Idee.
Der entscheidende Punkt ist das Emittentenrisiko, auch Bonitätsrisiko genannt. Da das Zertifikat nur ein Versprechen ist, gehst du ein Risiko gegenüber der Bank ein. Wenn die Bank zahlungsunfähig wird, ist dein Zertifikat wertlos, egal wie gut sich der DAX entwickelt. Dieses Risiko hast du bei einer direkten Aktienanlage nicht, denn dort gehören dir die Aktien direkt.
Es gibt zwei große Familien von Zertifikaten: Anlagezertifikate und Hebelprodukte. Anlagezertifikate sind eher für langfristige Anleger gedacht, sie bilden die Entwicklung meist eins zu eins ab. Hebelprodukte wie Optionsscheine oder Knock-outs sind für kurzfristige Spekulationen gedacht und können dein Kapital schnell vervielfachen, aber auch komplett vernichten. hier konzentrieren wir uns auf die Anlagezertifikate, da sie für Einsteiger relevanter sind.
So funktioniert ein Zertifikat im Detail
Um die Funktionsweise zu verstehen, schauen wir uns ein klassisches Index-Zertifikat an. Dieses bildet einen Index wie den DAX oder den EuroStoxx 50 eins zu eins ab. Der Preis des Zertifikats wird durch den Stand des Index geteilt durch ein festgelegtes Bezugsverhältnis bestimmt. Wenn der DAX bei 20.000 Punkten steht und das Bezugsverhältnis 0,01 beträgt, kostet das Zertifikat rund 200 Euro.
Der Clou ist, dass du keine Dividenden erhältst, wenn der Index Dividenden ausschüttet. Es gibt zwar sogenannte Dividenden-Zertifikate, aber beim klassischen Index-Zertifikat wird die Dividende meist nicht an dich weitergereicht, sondern sie fließt in die Berechnung des Index ein oder verfällt der Bank. Das ist ein oft übersehener Nachteil gegenüber einer direkten Aktienanlage oder einem ETF.
Ein weiterer wichtiger Begriff ist der Emissionspreis, also der Preis, zu dem die Bank das Zertifikat anfangs verkauft. Danach wird der Preis laufend an der Börse festgestellt, abhängig von Angebot und Nachfrage sowie der Entwicklung des Basiswerts. Du kannst Zertifikate also jederzeit über dein Depot kaufen und verkaufen, ähnlich wie Aktien. Die Bank stellt sicher, dass es immer einen Preis gibt, den sogenannten Geld- und Briefkurs.
Es gibt auch Zertifikate mit speziellen Eigenschaften, wie Discount-Zertifikate oder Bonuszertifikate. Diese bieten einen gewissen Puffer gegen Kursverluste, begrenzen aber im Gegenzug deine Gewinnchancen. Diese Produkte sind komplexer und erfordern ein gutes Verständnis von Wahrscheinlichkeiten. Für den Anfang solltest du dich auf die einfachen Index-Zertifikate konzentrieren, um das Prinzip zu verstehen.
Kosten und Gebühren: Was Zertifikate wirklich kosten
Bei Zertifikaten gibt es keine klassische jährliche Verwaltungsgebühr wie bei aktiven Fonds. Die Bank verdient ihr Geld hauptsächlich über den Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufspreis. Dieser Spread ist oft deutlich größer als bei Aktien oder ETFs, besonders bei weniger gehandelten Zertifikaten. Du zahlst also beim Kauf und Verkauf indirekt Gebühren.
Zusätzlich gibt es oft einen Ausgabeaufschlag, der beim Kauf anfällt, oder einen sogenannten Management-Aufschlag, der im Preis enthalten ist. Diese Kosten sind nicht immer transparent, da sie im Kurs eingerechnet sind. Du solltest dir daher immer die Produktkennzahlen ansehen, die in den sogenannten Key Information Documents (KIDs) aufgeführt sind. Diese Dokumente sind gesetzlich vorgeschrieben und müssen die Kosten klar ausweisen.
Ein weiterer Kostenpunkt ist der Einfluss der Geldpolitik. Bei Zertifikaten, die eine Entwicklung abbilden, kann der Preis durch Zinsen beeinflusst werden. Bei steigenden Zinsen können manche Zertifikate an Wert verlieren, obwohl der Basiswert stabil bleibt. Das ist ein subtiler Effekt, den viele Anleger:innen nicht auf dem Schirm haben, der aber die Rendite schmälern kann.
Im Vergleich zu einem ETF, der einen Index ebenfalls abbildet, sind Zertifikate in der Regel teurer und riskanter. Ein ETF hat kein Emittentenrisiko, da er das Vermögen der Anleger getrennt verwahrt. Zertifikate haben dieses Risiko immer. Wenn du also die Wahl hast, einen Index über einen ETF oder ein Zertifikat abzubilden, ist der ETF meist die bessere Wahl, weil er günstiger und sicherer ist.
Worauf du beim Kauf unbedingt achten musst
Wenn du dich dennoch für ein Zertifikat interessierst, solltest du zuerst die Bonität der emittierenden Bank prüfen. Große, systemrelevante Banken sind weniger wahrscheinlich pleitezugehen, aber es gibt keine Garantie. Schau dir das Rating der Bank an und überlege, ob du dieses Risiko eingehen willst. Ein Zertifikat einer unbekannten Bank mit hohen Zinsen ist oft ein Warnsignal.
Achte auf die genaue Ausgestaltung des Produkts. Ist es ein Index-Zertifikat mit Dividendenabschlag? Ein Bonuszertifikat mit welcher Schwelle? Lies das KID (Basisinformationsblatt) sorgfältig durch. Dort stehen alle relevanten Daten, von der Laufzeit bis zum Risikoindikator. Wenn du etwas nicht verstehst, frage nach oder lass es lieber sein.
Prüfe die Liquidität, also ob das Zertifikat regelmäßig gehandelt wird. Wenn nur wenige Stücke pro Tag gehandelt werden, ist der Spread groß und du zahlst beim Verkauf drauf. Du kannst die Handelsvolumina an der Börse einsehen. Ein hohes Volumen bedeutet, dass du dein Zertifikat jederzeit zu fairen Preisen loswirst.
Überlege dir vor dem Kauf, wie lange du das Zertifikat halten willst. Viele Zertifikate haben eine unbegrenzte Laufzeit, aber es gibt auch welche mit festem Laufzeitende. Bei einer begrenzten Laufzeit hängt deine Rendite vom Kursstand am Stichtag ab. Das ist ein Spekulationsmoment, das du einkalkulieren musst. Für langfristiges Investieren sind Zertifikate mit unbegrenzter Laufzeit besser geeignet.
Typische Fehler, die du vermeiden solltest
Der häufigste Fehler ist, Zertifikate mit ETFs zu verwechseln. Viele Anleger:innen denken, sie kaufen einen Index, aber sie kaufen ein Schuldversprechen. Wenn die Bank wackelt, ist das Geld weg. Dieser Fehler hat in der Finanzkrise 2008 vielen Menschen geschadet, als Banken wie Lehman Brothers zusammenbrachen und ihre Zertifikate wertlos wurden.
Ein weiterer Fehler ist die Jagd nach hohen Zinsen oder Bonus-Zahlungen. Bonuszertifikate versprechen hohe Renditen, aber nur, wenn der Basiswert eine bestimmte Barriere nicht durchbricht. Wenn die Barriere durchbrochen wird, verlierst du nicht nur den Bonus, sondern auch einen Teil deines Kapitals. Diese Produkte sind komplex und für Einsteiger oft ungeeignet.
Viele unterschätzen auch den Einfluss von Währungsschwankungen. Wenn du ein Zertifikat auf einen US-Index kaufst, ist dein Risiko nicht nur der Index, sondern auch der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar. Der Dollar kann fallen, während der Index steigt, und deine Rendite wird aufgefressen. Das ist ein Risiko, das du bei deutschen Aktien nicht hast.
Zuletzt solltest du nicht in Zertifikate investieren, nur weil dein Bankberater es empfiehlt. Oft haben Banken eigene Produkte im Angebot, die sie lieber verkaufen als fremde ETFs, weil sie daran mehr verdienen. Hinterfrage jede Empfehlung kritisch und vergleiche die Konditionen mit Alternativen. Dein Geldbeutel wird es dir danken.
Dein Fahrplan: So gehst du konkret vor
Schritt eins: Baue zuerst ein solides Fundament auf. Bevor du über Zertifikate nachdenkst, solltest du einen Notgroschen haben und in breit gestreute ETFs investieren. Diese Basis macht den Großteil deines Vermögens aus und ist sicherer. Zertifikate sollten nur ein kleines Experimentierfeld sein, wenn überhaupt.
Schritt zwei: Bilde dich weiter. Lese das KID eines konkreten Produkts, das dich interessiert, und versuche, jede Kennzahl zu verstehen. Nutze kostenlose Bildungsangebote von Börsen oder Verbraucherzentralen. Je besser du die Mechanik verstehst, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du böse Überraschungen erlebst.
Schritt drei: Starte mit einem Mini-Betrag, den du im schlimmsten Fall komplett verlieren kannst. Kaufe ein einfaches Index-Zertifikat auf einen Index, den du kennst, und beobachte, wie es sich im Vergleich zu einem ETF auf denselben Index entwickelt. Diese Erfahrung ist wertvoller als jedes Buch.
Schritt vier: Überprüfe deine Anlage regelmäßig, mindestens einmal im Jahr. Hat sich die Bonität der Bank verändert? Passt das Produkt noch zu deiner Strategie? Wenn nicht, verkaufe es, auch wenn es Verluste gibt. Das Halten an einem schlechten Produkt aus Sturheit ist ein teurer Fehler.
Alternativen zu Zertifikaten: Was du stattdessen nutzen kannst
Die einfachste Alternative zu einem Index-Zertifikat ist ein ETF (Exchange Traded Fund). Ein ETF bildet denselben Index ab, hat aber kein Emittentenrisiko, da das Vermögen in einem Sondervermögen getrennt von der Fondsgesellschaft aufbewahrt wird. Zudem sind die Kosten oft deutlich niedriger, da es keine Bankenmarge gibt.
Wenn du in Rohstoffe wie Gold investieren möchtest, gibt es ebenfalls ETFs, die physisches Gold halten. Diese sind sicherer als Zertifikate auf Gold, da du im Falle einer Bankenpleite immer noch Anspruch auf das Gold hast. Bei Zertifikaten auf Gold hast du nur einen Anspruch gegen die Bank, der im Insolvenzfall wertlos wird.
Für spekulative Wetten mit Hebel gibt es Alternativen wie Futures oder Optionsscheine, aber diese sind noch komplexer und riskanter. Für die meisten Privatanleger:innen sind sie ungeeignet. Wenn du spekulieren möchtest, tue es mit einem kleinen Teil deines Vermögens und nur mit Geld, das du nicht brauchst.
Unser Rat: Bleib bei den einfachen, transparenten Produkten. Ein Portfolio aus ein paar breit gestreuten ETFs ist für die meisten Menschen die beste Wahl. Es ist langweilig, aber es funktioniert. Zertifikate können eine Ergänzung sein, aber sie sind kein Ersatz für eine solide Basis.
Beantworte 3 Fragen für deine Einschätzung.
Häufige Fragen
In der Regel nicht. Sie sind komplexer und riskanter als ETFs oder Aktien. Für Einsteiger ist es besser, mit einfachen Produkten zu starten und erst später, wenn überhaupt, Zertifikate in Betracht zu ziehen.
Dann verlierst du dein gesamtes investiertes Kapital, unabhängig davon, wie sich der Basiswert entwickelt. Das ist das Emittentenrisiko. Du hast keinen Anspruch auf den Basiswert selbst, sondern nur auf eine Zahlung der Bank.
Ein ETF ist ein Fonds, der das Vermögen der Anleger getrennt verwahrt. Ein Zertifikat ist ein Schuldschein einer Bank. ETFs haben kein Emittentenrisiko und sind meist günstiger. Zertifikate können speziellere Strategien abbilden.
Ja, in der Regel kannst du Zertifikate während der Börsenzeiten über dein Depot verkaufen. Die Bank stellt einen Ankaufspreis bereit. Allerdings kann der Spread, also die Differenz zum Verkaufspreis, bei wenig gehandelten Produkten hoch sein.
Hebelzertifikate sind spekulative Produkte, die die Gewinne und Verluste des Basiswerts überproportional abbilden. Sie können dein Kapital schnell vervielfachen, aber auch komplett vernichten. Sie sind für kurzfristige Spekulation gedacht und nicht für langfristiges Investieren.
Die Kosten sind im Basisinformationsblatt (KID) aufgeführt, das du vor dem Kauf erhalten musst. Dort findest du Angaben zu laufenden Kosten, Spreads und möglichen Ausgabeaufschlägen. Vergleiche diese Angaben immer mit Alternativen.
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