Ethik Der Medizin at Universität Bochum | Flashcards & Summaries

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Lernmaterialien für Ethik der Medizin an der Universität Bochum

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TESTE DEIN WISSEN


Johann Nepomuk Crantz, 1757

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TESTE DEIN WISSEN

Handlungsprinzip

  • Unter keinen Umständen ist es gerechtfertigt, die Mutter oder das Kind zu töten, um das Leben des Anderen zu retten.
  • -> Der Geburtshelfer muss also abwarten, bis Mutter oder Kind verstorben sind, dann muss er alles für den Überlebenden tun!

Anfrage einiger Medici an die Theologische Fakultät zu Paris von 1648

  • Mutter in Kinds-Nöten -> beide würden sterben
  • Tötung und Entfernung der Kindes -> Rettung der Mutter
  • Darf man das Kind umbringen, um die Mutter zu retten

Antwort der Doctores der Theologischen Fakultät Paris von 1648

  • Kind umbringen = Todsünde!
  • wenn man keinem der beiden helfen kann, ohne dass der andere zu Schaden kommt, dann lieber keinem helfen
  • "Man soll nichts Böses tun, auf dass etwas Gutes daraus entstehen möge."

Gegenstandpunkt Deisch, 1740

  • Tötungsverbot beachten -> aber Reichweite begrenzen!
  • Argumente:
    • 1. das Ungeborene ist ein Angreiferder Mutter
      • Geburt „aktive“ Leistung des Kindes!
      • Fazit: Nothilfe ist gerechtfertigt, auch wenn dabei ein schuldhafter Angreifer stirbt; also muss der Geburtshelfer der Mutter helfen (Nothilfeargument)
    • 2. das Leben des Kindes ist oft (z.B. bei Einkeilungen) nicht feststellbar
      • Diskutierte sichere Lebenszeichen: Pulsschlag in der Nabelschnur, Bewegungen des Kindes
      • Wenn Lebenszeichen des Kindes fehlen, ist davon auszugehen, dass das Kind nicht mehr lebt
      • Fazit: Wenn das Kind nicht mehr lebt, besteht das Dilemma der schweren Geburt nicht mehr, es muss dann der Mutter geholfen werden, dann darf man auch verkleinernde Operationen einsetzen

Argumente gegen die Kritik

  • 1. „faktisch falsch“: basiert auf veralteten Theorien, die Geburt ist keine aktive Leistung des Kindes, sondern der Mutter (z.B. Uterus)!
    • Fazit: Das Kind ist kein Angreifer der Mutter, der Geburtshelfer leistet also keine Nothilfe, wenn er verkleinernde Operationen anwendet! Sie sind daher zu unterlassen!
    • keine (!) Kritik der Nothilfe an sich
    • Kritik der Anwendung des Nothilfe-Arguments bei der schweren Geburt („faktische“ Umstände)
  • 2. „faktisch“ i.d.R. zwar richtig, aber der Schluss auf den Tod des Kindes ist falsch, wie viele (andere) geburtshilflichen Situationen beweisen
    • Allgemeine Erkenntnis: Viele Kinder ohne Lebenszeichen in utero leben noch! Das Dilemma der schweren Geburt besteht also weiter
    • Fazit: Der Geburtshelfer darf daher keine verkleinernden Operationen anwenden, wenn Lebenszeichen des Kindes fehlen
    • Alternative: Es ist möglich, den Tod des Kindes festzustellen, z.B. durch Zeichen der Fäulnis, oder eine Ablösung der Oberhaut
    • Liegen sichere Todeszeichen des Kindes vor, so besteht das Dilemma der schweren Geburt nicht mehr!
    • Fazit: Dann darf der Geburtshelfer verkleinernde Operationen anwenden, um die Mutter zu retten!
    • Aber: Crantz kannte Fälle, in denen auch die „sicheren“ Fäulniszeichen trügerisch waren und Kinder nach der Geburt noch lebten!
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TESTE DEIN WISSEN


Kontext der Tradierung von Crantz‘ Haltung

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TESTE DEIN WISSEN

Struktureller Kontext

  • Wachsende Bedeutung der Gesundheitspolitik im 18. Jahrhundert
    • Wohlfahrt und Wohlstand der Untertanen = Fundament der Glückseligkeit eines Fürsten

Quellen

  • weitere gedruckte Quellen und Archivalien
    • (gesundheits-) politische Programme
    • Gesetzestexte, Erlasse
    • Verwaltungsdokumente

Struktureller Kontext: Geburtshilfe und Staatsnutzen

  • Anzahl der jährlich Geborenen und Lebenden jene der Verstorbenen überwiegt 
  • Mehr Menschen -> mehr Steuern -> mehr Reichtum
  • Beförderung der Bevölkerung unumgänglich nötigen Entbindungskunst (ungeheure Anzahl der totgeborenen Kinder, erblassenden Mütter) -> öffentliche Geburtsschule

Struktureller Kontext: Kontrolle des Heilpersonals

  • Neuer „absolutistischer Herrscher“: Protomedicus ab 1745 als oberster Medizinalbeamter
  • theoretische (Buch)Kenntnisse als Kontrollinstrument

Struktureller Kontext: Fazit

  • Wachsende Bedeutung der Gesundheitspolitik im 18. Jahrhundert (= „Staatsnutzen“)
  • Staatliche Normierung der Ausbildung und Zulassung der Heilkundigen
  • Staatliche Kontrolle entscheidendes Instrument -> Qualitätskontrolle
  • Verlust inhaltlicher Dynamik
  • Die geburtshilflichen Lehrer Wiens wurden zu einem „geschlossenen Kollektiv“, in dem Wissensbestände, Haltungen und Praktiken unverändert tradiert wurden, auch mit Blick auf die schwere Geburt!
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TESTE DEIN WISSEN


Kontext des Traditionsbruchs durch Boër

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TESTE DEIN WISSEN

„Wert des Lebens“ …

  • struktureller, gesundheitspolitischer Kontext
  • biographischer Kontext

Struktureller Kontext

  • 1780 übernimmt Joseph II. die Regierungsgeschäfte, ein sehr aufgeklärter Herrscher
  • der praktische Wert (für den Staat) wird als Qualitätsstandard der Gesundheitspolitik immer wichtiger, der Aspekt der Kontrolle an sich wird weniger wichtig und zunehmend als Hemmnis inhaltlichen „Fortschritts“ empfunden
  • aber: Konflikte mit etablierten Funktionsträgern entstanden, deren Selbstverständnis an die etablierten Strukturen gebunden war, die andere Überzeugungen hatten und / oder einen Machtverlust befürchteten!

Struktureller Kontext: Aktionen des neuen Kaisers

  • Teilentmachtung des Protomedicus: die medizinische Fakultät wird selbständig in der Lehre, ein Protochirurgus wird eingestellt -> Aufteilung der Bereiche
  • Import von Wissen und Fertigkeiten aus dem Ausland (Bildungsreisen) wieder betont, Finanzierung durch die Obrigkeit
  • 1784 Allgemeines Gebär- und Findelhaus
  • 1789 Professur für Praktische Geburtshilfe, gleichzeitig Leitung der Abteilung für nichtzahlende Schwangere im Allgemeinen Gebärhaus -> Johann Lukas Boër
  • vom Kaiser gegen den Protomedicus durchgesetzt...
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Beispiel PEG-Sonde

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TESTE DEIN WISSEN
  • 90-jähriger Patient
  • Schlaganfall mit Halbseitenlähmung
  • Somnolenz
  • Schluckstörungen
  • metastasiertes malignes Melanom
  • keine neurologische Besserung

Frage:

  • PEG-Sonde?
  • Konflikt zwischen Klinik und Hausarzt
  • sicherer Todeseintritt innerhalb weniger Wochen!
  • „aktiv“?

Was soll ich tun?

  • Wie lege ich eine PEG-Sonde?
    • -> technische Norm
  • Ist eine PEG-Sonde rechtlich zulässig?
    • -> rechtliche Norm
  • Ist eine PEG-Sonde moralisch zulässig?
    • -> moralische Norm
Normative Ebene
  • Wie es sein sollte

Deskriptive Ebene

  • Wie es ist
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Moralische Normen

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TESTE DEIN WISSEN
  • beanspruchen allgemeine und kategorische Gültigkeit
    • für alle gleichwertig gültig und gleichwertig verbindlich bezogen auf eine bestimmte Situation 
  • berücksichtigen nicht nur die Interessen des Handelnden
    • für jeden anderen in der gleichen Situation gültig 
  • beziehen ihre Autorität allein aus ihrer inhaltlichen Überzeugungskraft
    • Warum-Fragen mit einem inhaltlichen Grund beantworten
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Begründungsansätze

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Konsequentialistische Ethiken (z.B. Utilitarismus)

  • Bewerten Handlungen danach, wie gut oder erstrebenswert ihre Folgen sind
    • z.B. „Die aktive Sterbehilfe ist abzulehnen, weil ihre Zulassung negative Auswirkungen auf das A-P-Verhältnis haben wird.“

Deontologische Ethiken (griech.: deon Pflicht) (z.B. Zehn Gebote, Kant, Diskursethik, Prinzipethik)

  • Leiten Handlungsnormen aus grundlegenden Prinzipien bzw. Pflichten ab
  • z.B. „Die aktive Sterbehilfe ist abzulehnen, weil kein Mensch einen anderen Menschen töten darf.“
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Konsequentialistische Ethiken

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TESTE DEIN WISSEN

Utlilitarismus (utilias = Nutzen)

  • Optimierung des Nutzens für alle von einer Handlung Betroffenen (⇔ eth. Egoismus)
  • Bewertungsmaßstab für Nutzen?
    • Klassischer Utilitarismus (Bentham, Mill): Lust, Vermeidung von Unlust

    • Präferenzutilitarismus (Singer): Individuelle Präferenzen (= Interessen)

      • Schmerzvermeidung <- Empfindungsfähigkeit

      • Überleben <- Selbstbewusstsein

  • Probleme:

    • gerechte Verteilung von Nutzen und Schaden?
    • kein Sinn für einzelne Personen -> nur für Gesamtheit
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Deontologische Ethiken

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Zehn Gebote

  • Regelkatalog für das menschliche Verhalten
  • Setzen Glauben an den biblischen Gott voraus
  • -> Lassen sich moralische Pflichten auch unabhängig von Glaubensannahmen nur durch die Vernunft begründen?

Kants Kategorischer Imperativ

  • „Ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.“
    • das was ich tue, soll auch für alle gültig sein
    • Voraussetzung der Vernunft + Würde 
    • jeder bezieht sich auf die Vernunft + Würde

Diskursethik (Apel, Habermas)

  • Gültigkeit einer Norm setzt die (mögliche) Zustimmung aller Teilnehmer eines ethischen Diskurses voraus
    • Diskurs: Austausch von Argumenten mit dem Ziel der Verständigung
    • Voraussetzung: wechselseitige Anerkennung

Prinzipienethik (Beauchamp, Childress)

  • Verzichtet auf theoretische Letztbegründung der Moral
  • Geht von Prinzipien aus, die allgemein in der Medizin als wichtig anerkannt sind
  • Autonomy (Patientenselbstbestimmung)
  • Benefience (Wohltun)
  • Non-malefience (Nicht-Schaden)
  • Justice (Gerechtigkeit)
  • alle 4 Prinzipien grundsätzlich gleich zu gewichten
    • jedes Situation individuelle betrachten -> evtl. ein Prinzip mehr gewichten (Beispiel Impfung)
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Zusammenfassung Grundlagen der Medizinethik

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TESTE DEIN WISSEN
  • Ethik: Nachdenken über Moral
  • Moral: Regeln/Normen für das zwischenmenschliche Verhalten
  • Begründung moralischer Normen
    • Handlungsfolgen
    • Prinzipien/Pflichten
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Medizinhistorische Hintergründe

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TESTE DEIN WISSEN

Forschungsskandal (Albert Neisser, 1900)

  • Verabreichung einer Impfung gegen Syphilis an teilweise minderjährige Patientinnen (niedere Gesellschaftsschichten, Prostituierte)
  • ohne Einwilligung und Aufklärung über die Folgen
  • viele dieser Frauen infizierten sich mit Syphilis
  • -> Aufruhe in der Gesellschaft
  • "vom moralischen Standpunkt aus kein Gewicht gelegt habe und nie legen würde"
  • "Einwilligung gewiss beschafft, denn es ist nichts leichter, als sachunverständige Personen durch freundliche Ueberredung zu jeder gewünschten Einwilligung zu bringen..."
  •  seine Forschung wichtig genug, um sich  nicht um eine Einwilligung zu müssen -> unterschiedliche Gewichtung (Nutzen der Forschung vs. Einwilligung)

Anweisung an die Vorsteher der Kliniken, Polikliniken und sonstigen Krankenanstalten

  • "daß medizinische Eingriffe [...] unter allen Umständen ausgeschlossen sind, wenn [...] die betreffende Person nicht ihre Zustimmung zu dem Eingriffe in unzweideutiger Weise erklärt hat [und...] dieser Erklärung nicht eine sachgemäße Belehrung [...] vorausgegangen ist.“

Reichsgericht 1894, S. 378f

  • "Daß jemand nach seiner eigenen Überzeugung oder nach dem Urteile seiner Berufsgenossen die Fähigkeit besitzt, das wahre Interesse seines Nächsten besser zu verstehen, als dieser selbst, dessen körperliches oder geistiges Wohl durch geschickt und intelligent angewendete Mittel vernünftiger fördern zu können, als dieser es vermag, gewährt jenem entfernt nicht irgend eine rechtliche Befugnis, nunmehr nach eigenem Ermessen in die Rechtssphäre des Anderen einzugreifen, diesem Gewalt anzuthun und dessen Körper willkürlich zum Gegenstand gutgemeinter Heilversuche zu benutzen.“ 
  • -> dieser Standpunkt später z.B. im Nürnberger Codex gefestigt
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Biografischer Kontext von Boër

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TESTE DEIN WISSEN
  • Bildungsreisen ins Ausland 1785-1788 nach Italien, Frankreich, England
  • London: William Osborn (1732-1808) -> analoge Argumentation wie bei Boër

„Wert des Lebens“ nach William Osborn 1792/94

  • Vernichtung des Lebens vor der Geburt, oder die Aufhebung der bloßen Möglichkeit zu leben -> geringerer Verlust
  • keinen unmittelbaren Verlust durch Beraubung des Lebens
  • Kind -> keiner Beängstigung oder Furcht vor der drohenden Gewaltthätigkeit
  • ungeborene Kinder noch keiner Vorstellung fähig -> nicht zu dem Vermögen einer körperlichen Empfindung -> auch keine Schmerzen erleiden
  • für menschliche Gesellschaft -> Verlust eines einzelnen Kindes äußerst unbedeutend (täglicher Erfahrung von Totgeburten)
  • ungewiss, ob Kinder bis zum zweiten Jahre überleben
  • ungewiss, dass Kinder ihren Nebenmenschen Dienste leisten oder Weltgenuss Anteil
  • Erhaltung des Lebens der Mutter rechtfertigen
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Schwere Geburt

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TESTE DEIN WISSEN

Extreme Fälle: Hilfe für Mutter und (!) Kind nicht möglich, etwa bei „Einkeilungen“ des Kindes!

  • Drei grundsätzliche Handlungsalternativen, drei grundsätzliche Fragen:
    • Dem Kind auf Kosten der Mutter helfen?
      • Kaiserschnitt
      • Taufspritze -> Kind im Mutterleib taufen, damit es nicht ungetauft verstirbt
    • Der Mutter auf Kosten des Kindes helfen?
      • verkleinernde Operationen -> moralisch als schlecht beurteilt
    • Abwarten bis zum Tod von Mutter oder Kind?
  • Zeit des Umbruchs (Wechsel von Positionen und Interventionsstrategien) + Netzwerkanalyse -> Wiener Geburtshilfe im 18. Jahrhundert
  • gedruckte Quellen
    • Dissertationen
    • Lehrbücher
    • Artikel (Zeitschriften, Reihen, Sammel- bände)
  • Autoren: nur heilkundige Männer (oft geburts- hilfliche Lehrer) treten in Wien auf den Plan, keine (!) Frauen
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Q:


Johann Nepomuk Crantz, 1757

A:

Handlungsprinzip

  • Unter keinen Umständen ist es gerechtfertigt, die Mutter oder das Kind zu töten, um das Leben des Anderen zu retten.
  • -> Der Geburtshelfer muss also abwarten, bis Mutter oder Kind verstorben sind, dann muss er alles für den Überlebenden tun!

Anfrage einiger Medici an die Theologische Fakultät zu Paris von 1648

  • Mutter in Kinds-Nöten -> beide würden sterben
  • Tötung und Entfernung der Kindes -> Rettung der Mutter
  • Darf man das Kind umbringen, um die Mutter zu retten

Antwort der Doctores der Theologischen Fakultät Paris von 1648

  • Kind umbringen = Todsünde!
  • wenn man keinem der beiden helfen kann, ohne dass der andere zu Schaden kommt, dann lieber keinem helfen
  • "Man soll nichts Böses tun, auf dass etwas Gutes daraus entstehen möge."

Gegenstandpunkt Deisch, 1740

  • Tötungsverbot beachten -> aber Reichweite begrenzen!
  • Argumente:
    • 1. das Ungeborene ist ein Angreiferder Mutter
      • Geburt „aktive“ Leistung des Kindes!
      • Fazit: Nothilfe ist gerechtfertigt, auch wenn dabei ein schuldhafter Angreifer stirbt; also muss der Geburtshelfer der Mutter helfen (Nothilfeargument)
    • 2. das Leben des Kindes ist oft (z.B. bei Einkeilungen) nicht feststellbar
      • Diskutierte sichere Lebenszeichen: Pulsschlag in der Nabelschnur, Bewegungen des Kindes
      • Wenn Lebenszeichen des Kindes fehlen, ist davon auszugehen, dass das Kind nicht mehr lebt
      • Fazit: Wenn das Kind nicht mehr lebt, besteht das Dilemma der schweren Geburt nicht mehr, es muss dann der Mutter geholfen werden, dann darf man auch verkleinernde Operationen einsetzen

Argumente gegen die Kritik

  • 1. „faktisch falsch“: basiert auf veralteten Theorien, die Geburt ist keine aktive Leistung des Kindes, sondern der Mutter (z.B. Uterus)!
    • Fazit: Das Kind ist kein Angreifer der Mutter, der Geburtshelfer leistet also keine Nothilfe, wenn er verkleinernde Operationen anwendet! Sie sind daher zu unterlassen!
    • keine (!) Kritik der Nothilfe an sich
    • Kritik der Anwendung des Nothilfe-Arguments bei der schweren Geburt („faktische“ Umstände)
  • 2. „faktisch“ i.d.R. zwar richtig, aber der Schluss auf den Tod des Kindes ist falsch, wie viele (andere) geburtshilflichen Situationen beweisen
    • Allgemeine Erkenntnis: Viele Kinder ohne Lebenszeichen in utero leben noch! Das Dilemma der schweren Geburt besteht also weiter
    • Fazit: Der Geburtshelfer darf daher keine verkleinernden Operationen anwenden, wenn Lebenszeichen des Kindes fehlen
    • Alternative: Es ist möglich, den Tod des Kindes festzustellen, z.B. durch Zeichen der Fäulnis, oder eine Ablösung der Oberhaut
    • Liegen sichere Todeszeichen des Kindes vor, so besteht das Dilemma der schweren Geburt nicht mehr!
    • Fazit: Dann darf der Geburtshelfer verkleinernde Operationen anwenden, um die Mutter zu retten!
    • Aber: Crantz kannte Fälle, in denen auch die „sicheren“ Fäulniszeichen trügerisch waren und Kinder nach der Geburt noch lebten!
Q:


Kontext der Tradierung von Crantz‘ Haltung

A:

Struktureller Kontext

  • Wachsende Bedeutung der Gesundheitspolitik im 18. Jahrhundert
    • Wohlfahrt und Wohlstand der Untertanen = Fundament der Glückseligkeit eines Fürsten

Quellen

  • weitere gedruckte Quellen und Archivalien
    • (gesundheits-) politische Programme
    • Gesetzestexte, Erlasse
    • Verwaltungsdokumente

Struktureller Kontext: Geburtshilfe und Staatsnutzen

  • Anzahl der jährlich Geborenen und Lebenden jene der Verstorbenen überwiegt 
  • Mehr Menschen -> mehr Steuern -> mehr Reichtum
  • Beförderung der Bevölkerung unumgänglich nötigen Entbindungskunst (ungeheure Anzahl der totgeborenen Kinder, erblassenden Mütter) -> öffentliche Geburtsschule

Struktureller Kontext: Kontrolle des Heilpersonals

  • Neuer „absolutistischer Herrscher“: Protomedicus ab 1745 als oberster Medizinalbeamter
  • theoretische (Buch)Kenntnisse als Kontrollinstrument

Struktureller Kontext: Fazit

  • Wachsende Bedeutung der Gesundheitspolitik im 18. Jahrhundert (= „Staatsnutzen“)
  • Staatliche Normierung der Ausbildung und Zulassung der Heilkundigen
  • Staatliche Kontrolle entscheidendes Instrument -> Qualitätskontrolle
  • Verlust inhaltlicher Dynamik
  • Die geburtshilflichen Lehrer Wiens wurden zu einem „geschlossenen Kollektiv“, in dem Wissensbestände, Haltungen und Praktiken unverändert tradiert wurden, auch mit Blick auf die schwere Geburt!
Q:


Kontext des Traditionsbruchs durch Boër

A:

„Wert des Lebens“ …

  • struktureller, gesundheitspolitischer Kontext
  • biographischer Kontext

Struktureller Kontext

  • 1780 übernimmt Joseph II. die Regierungsgeschäfte, ein sehr aufgeklärter Herrscher
  • der praktische Wert (für den Staat) wird als Qualitätsstandard der Gesundheitspolitik immer wichtiger, der Aspekt der Kontrolle an sich wird weniger wichtig und zunehmend als Hemmnis inhaltlichen „Fortschritts“ empfunden
  • aber: Konflikte mit etablierten Funktionsträgern entstanden, deren Selbstverständnis an die etablierten Strukturen gebunden war, die andere Überzeugungen hatten und / oder einen Machtverlust befürchteten!

Struktureller Kontext: Aktionen des neuen Kaisers

  • Teilentmachtung des Protomedicus: die medizinische Fakultät wird selbständig in der Lehre, ein Protochirurgus wird eingestellt -> Aufteilung der Bereiche
  • Import von Wissen und Fertigkeiten aus dem Ausland (Bildungsreisen) wieder betont, Finanzierung durch die Obrigkeit
  • 1784 Allgemeines Gebär- und Findelhaus
  • 1789 Professur für Praktische Geburtshilfe, gleichzeitig Leitung der Abteilung für nichtzahlende Schwangere im Allgemeinen Gebärhaus -> Johann Lukas Boër
  • vom Kaiser gegen den Protomedicus durchgesetzt...
Q:


Beispiel PEG-Sonde

A:
  • 90-jähriger Patient
  • Schlaganfall mit Halbseitenlähmung
  • Somnolenz
  • Schluckstörungen
  • metastasiertes malignes Melanom
  • keine neurologische Besserung

Frage:

  • PEG-Sonde?
  • Konflikt zwischen Klinik und Hausarzt
  • sicherer Todeseintritt innerhalb weniger Wochen!
  • „aktiv“?

Was soll ich tun?

  • Wie lege ich eine PEG-Sonde?
    • -> technische Norm
  • Ist eine PEG-Sonde rechtlich zulässig?
    • -> rechtliche Norm
  • Ist eine PEG-Sonde moralisch zulässig?
    • -> moralische Norm
Normative Ebene
  • Wie es sein sollte

Deskriptive Ebene

  • Wie es ist
Q:


Moralische Normen

A:
  • beanspruchen allgemeine und kategorische Gültigkeit
    • für alle gleichwertig gültig und gleichwertig verbindlich bezogen auf eine bestimmte Situation 
  • berücksichtigen nicht nur die Interessen des Handelnden
    • für jeden anderen in der gleichen Situation gültig 
  • beziehen ihre Autorität allein aus ihrer inhaltlichen Überzeugungskraft
    • Warum-Fragen mit einem inhaltlichen Grund beantworten
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Q:


Begründungsansätze

A:

Konsequentialistische Ethiken (z.B. Utilitarismus)

  • Bewerten Handlungen danach, wie gut oder erstrebenswert ihre Folgen sind
    • z.B. „Die aktive Sterbehilfe ist abzulehnen, weil ihre Zulassung negative Auswirkungen auf das A-P-Verhältnis haben wird.“

Deontologische Ethiken (griech.: deon Pflicht) (z.B. Zehn Gebote, Kant, Diskursethik, Prinzipethik)

  • Leiten Handlungsnormen aus grundlegenden Prinzipien bzw. Pflichten ab
  • z.B. „Die aktive Sterbehilfe ist abzulehnen, weil kein Mensch einen anderen Menschen töten darf.“
Q:


Konsequentialistische Ethiken

A:

Utlilitarismus (utilias = Nutzen)

  • Optimierung des Nutzens für alle von einer Handlung Betroffenen (⇔ eth. Egoismus)
  • Bewertungsmaßstab für Nutzen?
    • Klassischer Utilitarismus (Bentham, Mill): Lust, Vermeidung von Unlust

    • Präferenzutilitarismus (Singer): Individuelle Präferenzen (= Interessen)

      • Schmerzvermeidung <- Empfindungsfähigkeit

      • Überleben <- Selbstbewusstsein

  • Probleme:

    • gerechte Verteilung von Nutzen und Schaden?
    • kein Sinn für einzelne Personen -> nur für Gesamtheit
Q:


Deontologische Ethiken

A:

Zehn Gebote

  • Regelkatalog für das menschliche Verhalten
  • Setzen Glauben an den biblischen Gott voraus
  • -> Lassen sich moralische Pflichten auch unabhängig von Glaubensannahmen nur durch die Vernunft begründen?

Kants Kategorischer Imperativ

  • „Ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.“
    • das was ich tue, soll auch für alle gültig sein
    • Voraussetzung der Vernunft + Würde 
    • jeder bezieht sich auf die Vernunft + Würde

Diskursethik (Apel, Habermas)

  • Gültigkeit einer Norm setzt die (mögliche) Zustimmung aller Teilnehmer eines ethischen Diskurses voraus
    • Diskurs: Austausch von Argumenten mit dem Ziel der Verständigung
    • Voraussetzung: wechselseitige Anerkennung

Prinzipienethik (Beauchamp, Childress)

  • Verzichtet auf theoretische Letztbegründung der Moral
  • Geht von Prinzipien aus, die allgemein in der Medizin als wichtig anerkannt sind
  • Autonomy (Patientenselbstbestimmung)
  • Benefience (Wohltun)
  • Non-malefience (Nicht-Schaden)
  • Justice (Gerechtigkeit)
  • alle 4 Prinzipien grundsätzlich gleich zu gewichten
    • jedes Situation individuelle betrachten -> evtl. ein Prinzip mehr gewichten (Beispiel Impfung)
Q:


Zusammenfassung Grundlagen der Medizinethik

A:
  • Ethik: Nachdenken über Moral
  • Moral: Regeln/Normen für das zwischenmenschliche Verhalten
  • Begründung moralischer Normen
    • Handlungsfolgen
    • Prinzipien/Pflichten
Q:


Medizinhistorische Hintergründe

A:

Forschungsskandal (Albert Neisser, 1900)

  • Verabreichung einer Impfung gegen Syphilis an teilweise minderjährige Patientinnen (niedere Gesellschaftsschichten, Prostituierte)
  • ohne Einwilligung und Aufklärung über die Folgen
  • viele dieser Frauen infizierten sich mit Syphilis
  • -> Aufruhe in der Gesellschaft
  • "vom moralischen Standpunkt aus kein Gewicht gelegt habe und nie legen würde"
  • "Einwilligung gewiss beschafft, denn es ist nichts leichter, als sachunverständige Personen durch freundliche Ueberredung zu jeder gewünschten Einwilligung zu bringen..."
  •  seine Forschung wichtig genug, um sich  nicht um eine Einwilligung zu müssen -> unterschiedliche Gewichtung (Nutzen der Forschung vs. Einwilligung)

Anweisung an die Vorsteher der Kliniken, Polikliniken und sonstigen Krankenanstalten

  • "daß medizinische Eingriffe [...] unter allen Umständen ausgeschlossen sind, wenn [...] die betreffende Person nicht ihre Zustimmung zu dem Eingriffe in unzweideutiger Weise erklärt hat [und...] dieser Erklärung nicht eine sachgemäße Belehrung [...] vorausgegangen ist.“

Reichsgericht 1894, S. 378f

  • "Daß jemand nach seiner eigenen Überzeugung oder nach dem Urteile seiner Berufsgenossen die Fähigkeit besitzt, das wahre Interesse seines Nächsten besser zu verstehen, als dieser selbst, dessen körperliches oder geistiges Wohl durch geschickt und intelligent angewendete Mittel vernünftiger fördern zu können, als dieser es vermag, gewährt jenem entfernt nicht irgend eine rechtliche Befugnis, nunmehr nach eigenem Ermessen in die Rechtssphäre des Anderen einzugreifen, diesem Gewalt anzuthun und dessen Körper willkürlich zum Gegenstand gutgemeinter Heilversuche zu benutzen.“ 
  • -> dieser Standpunkt später z.B. im Nürnberger Codex gefestigt
Q:

Biografischer Kontext von Boër

A:
  • Bildungsreisen ins Ausland 1785-1788 nach Italien, Frankreich, England
  • London: William Osborn (1732-1808) -> analoge Argumentation wie bei Boër

„Wert des Lebens“ nach William Osborn 1792/94

  • Vernichtung des Lebens vor der Geburt, oder die Aufhebung der bloßen Möglichkeit zu leben -> geringerer Verlust
  • keinen unmittelbaren Verlust durch Beraubung des Lebens
  • Kind -> keiner Beängstigung oder Furcht vor der drohenden Gewaltthätigkeit
  • ungeborene Kinder noch keiner Vorstellung fähig -> nicht zu dem Vermögen einer körperlichen Empfindung -> auch keine Schmerzen erleiden
  • für menschliche Gesellschaft -> Verlust eines einzelnen Kindes äußerst unbedeutend (täglicher Erfahrung von Totgeburten)
  • ungewiss, ob Kinder bis zum zweiten Jahre überleben
  • ungewiss, dass Kinder ihren Nebenmenschen Dienste leisten oder Weltgenuss Anteil
  • Erhaltung des Lebens der Mutter rechtfertigen
Q:


Schwere Geburt

A:

Extreme Fälle: Hilfe für Mutter und (!) Kind nicht möglich, etwa bei „Einkeilungen“ des Kindes!

  • Drei grundsätzliche Handlungsalternativen, drei grundsätzliche Fragen:
    • Dem Kind auf Kosten der Mutter helfen?
      • Kaiserschnitt
      • Taufspritze -> Kind im Mutterleib taufen, damit es nicht ungetauft verstirbt
    • Der Mutter auf Kosten des Kindes helfen?
      • verkleinernde Operationen -> moralisch als schlecht beurteilt
    • Abwarten bis zum Tod von Mutter oder Kind?
  • Zeit des Umbruchs (Wechsel von Positionen und Interventionsstrategien) + Netzwerkanalyse -> Wiener Geburtshilfe im 18. Jahrhundert
  • gedruckte Quellen
    • Dissertationen
    • Lehrbücher
    • Artikel (Zeitschriften, Reihen, Sammel- bände)
  • Autoren: nur heilkundige Männer (oft geburts- hilfliche Lehrer) treten in Wien auf den Plan, keine (!) Frauen
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