Grundstrukturen Der Gesellschaft at FernUniversität In Hagen | Flashcards & Summaries

Lernmaterialien für Grundstrukturen der Gesellschaft an der FernUniversität in Hagen

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Nennen und erläutern Sie die von Durkheim unterschiedenen Selbstmordtypen.

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Durkheim klassifiziert vier Selbstmordtypen, die sich in zwei Gegensatzpaare einteilen lassen. Diese Paare beziehen sich auf den Inhalt von Regeln bzw. auf verschiedene Regelzustände.

Als ersten Typus definiert Durkheim den egoistischen Selbstmord. Im Bereich der Religion sieht Durkheim die moralische Gemeinschaft der Gläubigen als Ursache einer geringeren Selbstmordrate. Dies überträgt er auch auf die Familie, je größer und moralisch gefestigter die Gemeinschaft (Ehe, Kinderzahl), desto geringer die Selbstmordrate. Auch Revolutionen und Kriege stärken die Gemeinschaft und wirken so reduzierend auf eine Selbstmordrate.

Diesem Typus gegenüber steht der altruistische Selbstmord. Dieser ist eher ein traditionelles Relikt und kommt in modernen Gemeinschaften kaum noch vor. Aus einer Überintegration des Einzelnen heraus entsteht dabei eine höhere Selbstmordrate.

Beide Typen beziehen sich auf den Inhalt von Regeln. Individualismus kann zu einem exzessiven Übermaß führen (egoistischer Selbstmord), Kollektivismus kann zu einem exzessiven Maß degenerieren (altruistischer Selbstmord).

Der dritte Typus wird von Durkheim als anomischen Selbstmord. Diesen Typus stellt er in Zusammenhang mit Konjunkturzyklen. Eine höhere Selbstmordrate entsteht bei wirtschaftlichen Krisen, aber auch bei plötzlichem Wohlstand. Er erklärt dies mit desorientierten Entwicklungen für das Individuum (soziale Deklassifizierung und Reklassifizierung), wodurch der Einzelne seine Maßstäbe verliert und Anomie entsteht. In der wirtschaftlichen Entwicklung sieht er einen konstanten Krisenherd der Moderne.

Diesem Typus gegenüber steht als vierte Klasse der fatalistische Selbstmord. Dieser Typus entsteht aus einer Überintegration in ein Regelsystem, er wird aber von Durkheim nicht weiter diskutiert, da er in modernen Gesellschaften nicht vorkommt, ähnlich wie der altruistische Selbstmord.

Die beiden letztgenannten Typen beziehen sich auf verschiedene Regelzustände. Die Anomie entspricht einer kompletten Abwesenheit von Regeln, der Fatalismus der Überreglementierung.

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Nennen und erläutern Sie die Merkmale sozialer Tatbestände nach Durkheim.

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Émile Durkheim definiert soziale Tatsachen als „jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihre individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“. 

Somit ergeben sich als charakteristische Merkmale

1. Äußerlichkeit. Sie sind nicht etwas, was aus dem Individuum heraus gebildet wird. Soziale Tatsachen wirken von außen auf den Akteur. Sitten, Bräuche, Normen werden durch die Gesellschaft getragen, das Befolgen von Regeln wird durch andere überwacht und gegebenenfalls sanktioniert.

2. Zwang. Soziale Tatsachen üben Druck auf das Individuum aus. Wenn ein Akteur im Miteinander mit anderen verstanden werden will, so muss er sich der Sprache bedienen, die diese anderen sprechen. Andernfalls kann er nur sehr eingeschränkt am Sozialleben teilnehmen.

3. Allgemeinheit der sozialen Tatbestände betont, dass sie weit verbreitet im täglichen Umgang der Menschen miteinander zu finden sind. Sie hinterlassen „Spuren“ in Statistiken wie Geburten-, Ehe- oder Selbstmordraten. Diese sozialen Tatsachen sind nach Durkheim historisch in den Gesellschaften gewachsen und keinesfalls natur- oder gottgegeben. 

4. Unabhängigkeit betont, dass die sozialen Tatsachen ein Eigenleben führen, dass losgelöst von individuellen Interpretationen fortbesteht. Die Unabhängigkeit verkörpert sich in statistischen Raten, in denen individuelle Fälle neutralisiert erfasst werden und sich mit der Masse eine Signifikanz darstellen lässt.

Als Beispiel für eine soziale Tatsache, die alle vier Charakteristika abdeckt, kann die Sprache herangezogen werden: Sprache kommt von außen, wird im Umgang mit anderen gelernt, sie kommt nicht aus den Menschen selbst heraus. Wie oben angeführt, muss ich, um mit anderen interagieren zu können, zwingend eine Sprache sprechen, die die anderen ebenfalls beherrschen. Sprache ist allgemein verbreitet, wird selbstverständlich benutzt, wenn mehrere Akteure aufeinandertreffen. Sprache ist unabhängig von individuellen Interpretationen. Man muss sich der allgemein anerkannten Bedeutung bedienen, um verstanden zu werden. Ein Einzelner kann nicht beschließen, die Bedeutung der Wörter oder die Grammatik zu ändern. Sprache ändert sich im andauernden Gebrauch vieler über einen langen Zeitraum hinweg.

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Nennen und erläutern Sie die vier Funktionen soziologischer Zeitdiagnosen nach Müller.

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Die erste Funktion ist die konstitutive Funktion. Konstitutiv bedeutet hier, dass soziologische Zeitdiagnosen wesentlich zur gesellschaftlichen Orientierung beitragen, da die begrifflichen Klassifikationen der soziologischen Zeitdiagnosen zur Selbstbeschreibung von Gesellschaften dienen. Diese Selbstbeschreibung von Gesellschaften können das «wann», «wo», «wie» und «was» eines Individuums in einer Gesellschaft bestimmen. (z.B. wir leben im digitalen Zeitalter).

 Die zweite Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die kognitive Funktion. Der sinnhaften Interpretation gesellschaftlicher Phänomene wird, sowohl durch die Theoriebildung als auch durch eine historisch-empirische Analyse, ein solides wissenschaftliches Fundament gegeben. (z.B. kritische Theorie der Frankfurter Schule).

Die dritte Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die expressive Funktion. Dem „Zeitgeist“ wird eine begriffliche Form gegeben. Verschiedenen einzelnen sozialen Phänomenen wird ein Oberbegriff gegeben, so werden z.B. der epistemologische, ethische und ästhetische Relativismus sowie der Verlust eines kollektiven sinngebenden Narrativs unter dem Oberbegriff „Postmoderne“ zusammengefasst. (z.B. standen die 68er Jahre im Zeichen der freien Liebe, unkonventionellen Lebensstilen und Anti-autoritärer Erziehung). 

Die vierte Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die evaluative Funktion. Diese Funktion impliziert eine normative Dimension. In der Regel wird von einer Idealnorm ausgegangen, die, wie alle Idealnormen, empirisch nicht erreicht ist bzw. häufig auch gar nicht zu erreichen ist (z. B. eine Gesellschaft ohne soziale Ungleichheit). Das Abweichen der empirischen Realität (dem Ist-Zustand) von der Idealnorm (dem Soll-Zustand) führt dazu, dass bei dieser Art von Evaluation häufig eine Krise postuliert wird und zu einer Kurskorrektur aufgerufen wird – eine Kurskorrektur hin zum Ideal, dem Vorbild, wie die Gesellschaft sein sollte. (z.B. kritisiert die Gesellschaftstheorie von Marx die soziale Ungleichheit zwischen Proletariat und Bourgeoisie und plädiert für deren Aufhebung bzw. Änderung der Situation). 

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Erläutern Sie den Unterschied der Klassenbegriffe von Marx und Weber.

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Die Differenziertheit der Konzepte ist für Burzan der wesentliche Unterschied zwischen den Klassenbegriffen von Marx und Weber: für Marx unterscheiden sich Klassen nur durch ökonomische Aspekte voneinander, was kausal deren Lebensverhältnisse beeinflusst. Weber hingegen benutzt ein mehrdimensionales Konzept, in dem der Klassencharakter als wesentliches Merkmal für Kapitalismus eher in den Hintergrund rückt. Gemeinsam ist beiden das Merkmal Besitz zur Kennzeichnung von Klassenunterschieden. Im Konzept von Marx finden sich zwei Klassen, die sich durch den Besitz/Nichtbesitz von Produktionsmitteln unterscheiden: die Bourgeoisie als herrschende Klasse besitzt Produktionsmittel und kann dadurch Mehrwert abschöpfen. Das Proletariat besitzt keine Produktionsmittel und muss seine Arbeitskraft „verkaufen“. Marx begründet diese Einteilung damit, dass Produktion die Grundlage des menschlichen Daseins und Zusammenlebens bilde und wirtschaftliche Macht politische Macht bedinge. Die Gesellschaftsstruktur orientiert sich somit vorwiegend an ökonomischen Aspekten, wirkt sich jedoch auf Bereiche wie Politik, Kultur und Recht aus, da das Sein nach Marx Einfluss auf das Bewusstsein hat. Weber beschreibt ein mehrdimensionales Modell, in dem er Klassen nach Besitz und Erwerb von und Verfügungsgewalt über Güter sowie Leistungsqualifikationen determiniert, die die Chancen auf dem Markt beeinflussen. Er unterscheidet verschiedene Klassen: Besitzklassen sind durch positiven (z.B. Bergwerk) oder negativen Besitz (Verschuldung) gekennzeichnet. Dazwischen gibt es Mittelstandsklassen. Erwerbsklassen werden dadurch bestimmt, welchen Marktwert die vorhandenen Güter oder Leistungen besitzen. Soziale Klassen zeichnen sich dadurch aus, dass ein Wechsel in eine andere Klasse persönlich oder in einer Generationenfolge möglich ist bzw. typischerweise stattfindet (soziale Mobilität). Zu dieser Klasse gehören nach Weber z.B. Arbeiterschaft und Kleinbürgertum. Klassenbewusstsein ist nicht erforderlich.

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Erläutern Sie Simmels Unterscheidung von quantitativem und qualitativem Individualismus.

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Simmels Gesellschaftsanalyse vertritt eine relativ positive Bilanz von Differenzierung und Individualisierung, seine Kultur- und Zeitdiagnose aber eine eher skeptische. Dahin steht seine Frage, ob das Individuum die Freiheitschancen auch zur Ausbildung der eigenen Individualität nutzt. Denn Simmel unterscheidet Kultur in objektive, d.h. Schaffung von Kulturgütern, und subjektive Kultur, d.h. "Verfeinerung des Lebens" und damit innerer und äußerer Arbeit des Individuums an sich. Zwar besteht ein relativ enger Zusammenhang zwischen beiden, aber das Tempo der Gesellschaft lässt das Individuum hinter dem Anwachsen der objektiven Kultur zurückbleiben. Es muss sich das Wissen von Generationen aneignen und steht orientierungslos vor einem Pluralismus von Wertekosmos und Vervielfältigung der Lebensstile.

Simmel sucht zu ergründen, woher das Bedürfnis der Menschen nach Individualität kommt und was dessen historische Formen sind. Für ihn steht fest, dass Idee und Ideal der Individualität modernen Ursprungs sind und Modernität und Individualität gleichursprünglich. Um Richtungen, Ausprägungen besser unterscheiden zu können unterscheidet er daher quantitativen vom qualitativen Individualismus.

Quantitativer Individualismus: der Begriff entstammt bereits der Aufklärung und Simmel sieht ihn in Kants Begriff als reinstem verwirklicht. Er meint die Präferenz von persönlicher Freiheit und moralischer Entfaltung zum autonomen Individuum, orientiert an Kants Kategorischem Imperativ. Das stellt zwar die Person gleich, den Menschen selbst als höchst unterschiedlich veranlagt aber hintan. Negative Folge sind soziale Ungleichheit und die Freiheit des Starken.

Qualitativer Individualismus: statt Gleichheit als materialistische Forderung und Freiheitsbegriff seit dem 19.Jh. zu übernehmen wird Anderssein zum Ideal. D.h. Freiheit wird beibehalten, Gleichheit aber durch Ungleichheit oder Differenz ersetzt.

Nach Simmel schließt sich hier der Kreis: zwischen struktureller Entwicklung der Gesellschaft in Form der Arbeitsteilung und ihrer kulturellen Entfaltung in Form des qualitativen Individualismus andererseits.  

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Erläutern Sie die folgenden Grundbegriffe Webers: Verhalten, Handeln, soziales Handeln.

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Weber legt eine Handlungstheorie vor mit dem konstituierenden Subjekt als Akteur und nimmt "soziales Handeln" zum Gegenstand. Seine Grundfrage ist die nach der "Gesellschaftsgeschichte der okzidentalen Moderne" und er erst legt der Soziologie mit Werturteilsfreiheit und "verstehendem Erklären und kausalem Verstehen" Methode und Ziel. Dabei folgt er Beziehungen auf Mikro- zur Makro-ebene und legt Paradoxien und Ambivalenzen auf Gesellschaft und die Lebensweise des Einzelnen offen. Handeln unterscheidet er in drei Kategorien:


- Verhalten: meint ein körperliches und reflexives Reagieren eines Menschen ohne subjektiv gemeinten Sinn.

- Handeln: meint menschliches Verhalten als innerliches oder äußerliches Tun oder Dulden, das mit einem subjektiven Sinn verbunden ist.

- Soziales Handeln: "...soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist".


Damit legt Weber der Soziologie den Grundbegriff des sozialen Handelns als rationale Erklärung regelorientierten Handelns.

Auf dieser Grundlage unterscheidet er nun vier Handlungstypen (als Ideal und theoretischer Maßstab genommen), die nach Art und Ausmaß rationaler Kontrolle klassifizieren lassen:

1. Zweckrationales Handeln: hat volle Kontrolle auf Mittel, Zweck, Wert und Folgen seines Handelns; s. homo oeconomicus

2. Wertrationales Handeln: hier gilt der Eigenwert der Handlung, die nur um ihrer selbst willen getan wird, s. der gläubige Christ

3. Affektuell/emotionales Handeln: kontrolliert Mittel und Zweck und ist an Gefühlen orientiert, Wert und Folgen bleiben außer acht

4. Traditionales Handeln: ist rein an Mitteln und eingelebten Gewohnheiten orientiert, d.h. Zweck, Wert und Folgen entgleiten der Kontrolle.

Diese vier Handlungstypen als Idealtypus gelten ihm als "Instrumente" und wesentliches methodisches Mittel, um zu evidenten sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.

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Nennen und erläutern Sie die drei grundlegenden Probleme soziologischer Zeitdiagnosen nach Müller.

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Nach Müller begegnen soziologische Zeitdiagnosen insbesondere drei Problemen:

1. Das Problem der Adäquanz liegt immer da vor, wo ein Begriff einen Gegenstand vollumfänglich erfassen soll. Eine Epoche, Gesellschaft, Kultur oder einen Charakter mit nur einem Begriff zu erfassen kann sowohl zu einer Überdehnung, als auch zu einer Unterbestimmung führen. So ist der Kapitalismus beispielsweise bahnbrechend, doch deshalb sind nicht alle Lebensverhältnisse kapitalistisch, so führt Müller an. Und je komplexer eine Gesellschaft wird, umso schwieriger fällt es, ihre Struktur- und Entwicklungslinien unter einen Begriff zu bringen. 

2. Das Problem des modischen Zeitgeistes tritt bei Diagnosen ohne vorangegangene tiefgreifende Analyse auf. So kann solch eine Studie über Marketingstrategien, Meiden und die Konsumindustrie schnell zu einem wahren Trend werden und sich tatsächlich empirisch bewahrheiten. Demgegenüber steht das Problem der Ideologie, bei der ein Begriff über eine lange Zeit immer mehr verbogen wird und die Theoriebildung ausufert, um mit der Realität mitzuhalten. Auch hier mangelt es somit häufig an historisch-empirischer Analyse. 

3. Das Problem des Normativen besteht darin, dass die Grenze zwischen Soziologie und Sozialphilosophie häufig verschwimmt. So besteht die Aufgabe der Soziologie nach Max Weber (1973) einzig und allein die Wirklichkeit abzubilden, nicht aber darüber zu urteilen. Soziologische Zeitdiagnosen laufen jedoch stets Gefahr, auch moralische Empfehlungen abzugeben.
Durkheim und Habermas etwa vertreten jedoch die Position, dass Soziologie und Sozialphilosophie unauflöslich miteinander verbunden sind und damit auch die Zeitdiagnose samt evaluativer Beurteilung sozialer Phänomene zu den ureigensten Aufgaben der Soziologie gehört.

Müller bezeichnet Zeitdiagnostik als „Soziologie mit beschränkter Haftung“ (29). Selbst die intensivste Analyse der sozialen Wirklichkeit verhindert nicht das Risiko der Deutung, also der interpretativen Verdichtung der gewonnenen Erkenntnisse.
Nach Müller gebe es nicht die eine Gesellschaft, derer Spiegel die Soziologie darstelle, denn eine Gesellschaft sei ein komplexes Gebilde. Das Entwickeln des Gesellschaftsbildes gelinge hier mal besser und mal schlechter. 

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Erläutern Sie Webers These von der Wahlverwandtschaft zwischen protestantischer Ethik und kapitalistischem Geist.

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Weber geht es um die Eigenart des modernen okzidentalen "Rationalismus", zumal er ihn im westlichen, modernen Kapitalismus an einer einzigartigen Konstellation aus sechs Punkten ausmacht: für Kapitalismus, Wissenschaft, Kunst, Recht, Staat und Bürokratie weist er Rationalität nach, die sich zuletzt in freier Lohnarbeit zeigt. In allen Kulturen sind die o.g. Punkte unterschiedlich ausgeprägt vorfindbar, aber nur im Westen und im modernen Kapitalismus fallen sie in der westlichen Form zusammen.

Weber glaubt, im "asketischen Protestantismus" und vor allem im Calvinismus (d.h. in der Prädestinationslehre) eine Religion gefunden zu haben, die zur Entstehungszeit des Kapitalismus seine Durchsetzung begünstigt hat. Der Calvinismus mit dem "Geist" einer asketischen Berufsethik habe dies erst möglich gemacht. Webers These lautet daher, dass es eine Wahlverwandtschaft zwischen Puritanismus und dem Kapitalismus gebe.

Ausgangspunkt von Webers Analyse ist die empirische Beobachtung einer "spezifischen Neigung zum ökonomischen Rationalismus" bei Protestanten. Sie stellen häufiger als Katholiken das Unternehmertum und gebildetere Arbeitskreise. Damit stößt er auf eine Brücke zwischen Religion und Wirtschaft: die Tüchtigkeit im Beruf. Die Reformation wertet moralische die Arbeit auf, die in Calvins Berufskonzeption einfließt und sich ursächlich an der "Gnadenwahl" festmachen läßt. Diese Prädestinationslehre besagt, wer in den Himmel kommt, sei vorbestimmt. Die Menschen stellt das allein und auf sich; dennoch müssen sie religiös leben und wirken, um sich vor der Hölle zu retten. Im Resultat beschreiten sie, erkennt Weber, zwei Wege: sie kehren das Dogma um, so dass sich jeder für erwählt halten kann und wählen als Mittel und Weg die "rastlose Berufsarbeit", um Ängste abzubauen. D.h. sie kehren Fatalismus in die Pflicht zur Selbsterwähltheit und rastlose Berufsarbeit zu aktiver Selbst- und Weltbeherrschung um. Diese Rationalisierung der Lebensführung aus Angst vor dem Jenseits leistet der Durchsetzung des modernen Kapitalismus Vorschub.

Die ökonomischen Auswirkungen dieser puritanischen Idee der asketischen Berufsethik bestätigen Webers Erkenntnis: Reichtum als sonst suspekt wird geduldet, wenn er nicht reinem Genuß oder dem Ausruhen auf seinem Besitz dient. "Zeit ist Geld" wird Grundsatz, Arbeitsteilung vorangetrieben und durchrationalisiert, denn "wer arbeitet, sündigt nicht". Das führt zum "wer nicht arbeitet, soll nicht essen", wodurch Armut erpönt ist und aufzeigt, wer des Teufels war. Diesen indirekten Auswirkungen stehen direkte gegenüber wie das Genussverbot, das dem Prinzip asketischer Lebensführung widerspricht und es folgt eine ambivalente Haltung gegen Kunst und zu viel Comfort, zumal alle Kraft auf Produktion und Akkumulation (Sparzwang) gerichtet wird. 

Im Ergebnis, stellt Weber fest, generiert der moderne Kapitalismus selbst die "Entzauberung der Welt", das Berufsmenschentum, den drohenden Sinnverlust und vor allem ein "stahlhartes Gehäuse" neuer Hörigkeit.

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Nennen und erläutern Sie die Prozesse gesellschaftlicher Differenzierung nach Simmel.

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Simmel nennt 3 Prozesse, die evolutionär aufeinander folgen, nämlich
1. Arbeitsteilung
2. Rollendifferenzierung
3. Funktionsdifferenzierung.

Zu 1.: Die Arbeitsteilung im volkswirtschaftlichen Sinn ist nach Simmel der wesentliche und initiale Faktor gesellschaftlicher Entwicklung. Aufgaben werden in ihrer Gänze nicht mehr von einer Person oder Personengruppe erledigt, sondern in verschiedene Teilaufgaben zerlegt. Diese wiederum werden dann von Fachkräften bearbeitet (prozessuale Arbeitsteilung). Dies steigert einerseits Produktivität und Effizienz, führt aber andererseits zu fortschreitender Spezialisierung (berufliche Differenzierung).

Zu 2.: Die Rollendifferenzierung im soziologischen Sinn ergibt sich aus der Ausdehnung der Gruppen, denen ein Mensch angehört. Nach Simmel führt dies zunächst zu immer weiterer Fragmentierung und Differenzierung innerhalb der Gruppe bis hin zur Herausbildung von Kleingruppen. Dabei wird der Einzelne meist mehreren Gruppen gleichzeitig angehören (z.B. dem Kollegenkreis, dem Sportverein und dem Ortsverband einer Partei), deren Interessen durchaus widersprüchlich sein können. Er möchte den unterschiedlichen Rollenerwartungen gerecht werden und Rollenkonflikte vermeiden und muss daher seine Handlungen koordinieren und Prioritäten setzen. Dies eröffnet ihm vielfache Handlungsspielräume und fördert seine Individualität.

Zu 3.: Die Funktionsdifferenzierung resultiert aus fortschreitender Arbeitsteilung und ist gekennzeichnet durch mehr oder weniger autonome, thematische Funktionsbereiche. Sie haben jeweils eine bestimmte Funktion für und einen bestimmten Fokus auf das Gesamtsystem. Beispielsweise interessiert sich der Funktionsbereich „Wirtschaft“ für Fragen des Angebots und der Nachfrage, während sich der Funktionsbereich „Wissenschaft“ dafür interessiert, ob etwas erklärbar ist. Die Verbindung der Funktionsbereiche erfolgt über eine entwickelte Geldwirtschaft.

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Nennen und erläutern Sie die drei von Heitmeyer unterschiedenen Krisenphänomene moderner Gesellschaften. Erläutern Sie dabei jeweils die dem Krisenphänomen zugrundeliegende gesellschaftliche Entwicklung.

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Heitmeyers Zeitdiagnose stellt die radikale Beschleunigung gesellschaftlicher Veränderungen in den Fokus. Diese führt in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Medien) zur Anomie, also der drastischen Abnahme sozialer Normen und Regeln was wiederum in der gegenwärtigen Gesellschaft, die bereits in vielen ihrer Teilbereiche ausdifferenziert ist, zu Problemlagen führt, den sogenannten „Desintegrationsphänomen“ (Heiser 2021: 37). Diese lassen sich nach Heitmeyer zu drei gesellschaftlichen Krisenphänomenen zusammenfassen: Strukturkrise, Regulationskrise, Kohäsionskrise (Heiser 2021: 38). 

Die Strukturkrise findet auf institutioneller Ebene statt und bezeichnet den Prozess des schwindenden Einflusses auf strukturelle Entwicklungen durch Politik und Staat. Entstanden ist diese Krise, unter Einfluss globaler Wirtschaftsvernetzung, aus der systemischen Differenzierung, also aus der Aufsplittung des jeweiligen nationalen politisch-administrativen Systems in etliche Teilbereiche. 

Regulationskrise meint die gesellschaftliche Entwicklung des Wegfalls und der Veränderung von Werten und Normen. Sie hat ihren Ursprung in der Gesellschaft selbst, also sowohl in jedem Individuum als auch in der Interaktion der Individuen und ihrer kollektiven Haltung: Gesellschaftliche Werte und Normen werden derart ausgeblendet, dass sie schließlich nicht mehr als Kompass für das eigene Verhalten dienen. 

Die Kohäsionskrise meint das Auflösen sozialer Bindungen der Individuen einer Gesellschaft untereinander und zueinander. Sie ist durch die beständige Individualisierung jedes Einzelnen entstanden und schlägt sich im tatsächlichen sozialen Leben nieder: Individuen sind nicht mehr in Gemeinschaften integriert, sie desintegrieren sich selbst durch Prozesse der Individualisierung, was spiralförmig dazu führt, dass jeder Einzelne immer weniger Halt hat und sich demnach immer weiter von der Gemeinschaft abgrenzt.

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Erläutern Sie den Unterschied zwischen einer Klasse an sich und einer Klasse für sich im Sinne Marx‘.

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Jede Klasse ist durch gemeinsame Kriterien ihrer Mitglieder gekennzeichnet – bei Marx sind es ökonomische. Bsp: die Klasse der Bourgeoisie ist gekennzeichnet durch Besitz an Produktionsmitteln, wodurch sie Mehrwert abschöpfen kann und damit ihr Kapital vermehrt.Befinden sich Mitglieder einer Gesellschaft objektiv in der gleichen Klasse, spricht Marx von einer Klasse an sich. Wenn die Mitglieder einer Klasse die Klassenstrukturen erkennen, aufgrund gemeinsamer Interessen und Einstellungen ein gemeinsames Klassenbewusstsein entwickeln und daraus folgend solidarisch handeln, spricht Marx von einer Klasse für sich.

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Nennen und erläutern Sie die drei von Sennett unterschiedenen Arten von Unsicherheit. 


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Richard Sennet hat sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus und der aktuellen Arbeitswelt auf den Menschen als Individuum beschäftigt. In seiner Grundannahme geht er davon aus, dass sich der menschliche Charakter durch langfristige Ziele und langfristige mitmenschliche Beziehungen bildet.

Doch in der heutigen Gesellschaft wird von dem Individuum „Flexibilität“ erwartet. Dies passt nicht zu den Grundvoraussetzungen der Charakterbildung. Dies Flexibilität die die Arbeitswelt verlang nennt Sennet „flexiblen Kapitalismus“.

Dieser ruft Unsicherheiten beim Menschen hervor.

Sennet unterschiedet hier drei Arten von Unsicherheiten.


1.     Mehrdeutige Seitwärtsbewegungen: Als Mensch strebt man in der heutigen Arbeitswelt ständig nach Verbesserung des Arbeitsplatzes. Es ist nicht mehr so, dass man in einer Firma seine Ausbildung macht und sich dort sein ganzes Arbeitsleben lang weiterentwickelt. Früher gab es in einem Lebenslauf eine rote Linie. Nach der Ausbildung kam die Festanstellung und dann gab es innerhalb der Firma in der man angefangen hat die Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln und fortzubilden, so dass die Arbeitskraft meinst an einen Ort (eine Firma) gebunden war und es eine klare Linie gab wie die Entwicklung aussehen konnte oder sollte. Heutzutage ist das Streben nach einer erfüllenden, erfolgreichen Arbeitsstelle so groß, dass der Arbeitnehmer ständig auf der Suche nach einer Verbesserung ist und sich auch ständig auf neue Stellenausschreibungen auch außerhalb seines Unternehmens bewirbt, um sich selber weiterzuentwickeln. Dabei geht der Arbeitnehmer immer nur davon aus, dass die neu Stelle auch tatsächlich ein Fortschritt ist. Sicher kann der Arbeitnehmer erst sein, wenn er die neue Stelle angetreten hat und auskleiden muss. Erst hier wird für den Arbeitnehmer sichtbar, ob der Wechsel der Arbeitsstelle tatsächlich ein Fortschritt war. Es kann auch sein, dass der Stellenwechsel nur eine Seitwärtsbewegung oder sogar eine Rückwärtsbewegung mit sich gebracht hat.

2.     Aushalten retrospektiver Verluste: wie oben beschrieben wird erst nach dem Wechsel der Arbeitsstelle für den Arbeitnehmer sichtbar ob und in welchem Maße der Arbeitsplatzwechsel tatsächlich einen Fortschritt mit sich gebracht hat. Betrachtet der Arbeitnehmer nun aus der neuen Position heraus die vergangenen Arbeitsstellen kann es vorkommen, dass er den Stellenwechsel nicht als Fortschritt erkennt. Dies führt zu einem Gefühl des Verlustes, den er beim Blick in die Vergangenheit aushalten muss.

3.     Unvorhersehbare Einkommensentwicklungen: Bei dem Wechsel eines Arbeitsplatzes orientieren sich viele (potentielle) Arbeitnehmer an dem Gehalt. Dieses Gehalt betrachtet aber nicht alle mit einem Arbeitsplatz verbundenen Kosten. Selbst wenn ggf. ein höheres Gehalt ausgezahlt wird, kann es sein, dass eine neue Arbeitsstelle defacto weniger Einkommen für den Arbeitnehmer mit sich bringt. Dies kann vor dem Arbeitsplatzwechsel nicht festgestellt werden.

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Q:

Nennen und erläutern Sie die von Durkheim unterschiedenen Selbstmordtypen.

A:

Durkheim klassifiziert vier Selbstmordtypen, die sich in zwei Gegensatzpaare einteilen lassen. Diese Paare beziehen sich auf den Inhalt von Regeln bzw. auf verschiedene Regelzustände.

Als ersten Typus definiert Durkheim den egoistischen Selbstmord. Im Bereich der Religion sieht Durkheim die moralische Gemeinschaft der Gläubigen als Ursache einer geringeren Selbstmordrate. Dies überträgt er auch auf die Familie, je größer und moralisch gefestigter die Gemeinschaft (Ehe, Kinderzahl), desto geringer die Selbstmordrate. Auch Revolutionen und Kriege stärken die Gemeinschaft und wirken so reduzierend auf eine Selbstmordrate.

Diesem Typus gegenüber steht der altruistische Selbstmord. Dieser ist eher ein traditionelles Relikt und kommt in modernen Gemeinschaften kaum noch vor. Aus einer Überintegration des Einzelnen heraus entsteht dabei eine höhere Selbstmordrate.

Beide Typen beziehen sich auf den Inhalt von Regeln. Individualismus kann zu einem exzessiven Übermaß führen (egoistischer Selbstmord), Kollektivismus kann zu einem exzessiven Maß degenerieren (altruistischer Selbstmord).

Der dritte Typus wird von Durkheim als anomischen Selbstmord. Diesen Typus stellt er in Zusammenhang mit Konjunkturzyklen. Eine höhere Selbstmordrate entsteht bei wirtschaftlichen Krisen, aber auch bei plötzlichem Wohlstand. Er erklärt dies mit desorientierten Entwicklungen für das Individuum (soziale Deklassifizierung und Reklassifizierung), wodurch der Einzelne seine Maßstäbe verliert und Anomie entsteht. In der wirtschaftlichen Entwicklung sieht er einen konstanten Krisenherd der Moderne.

Diesem Typus gegenüber steht als vierte Klasse der fatalistische Selbstmord. Dieser Typus entsteht aus einer Überintegration in ein Regelsystem, er wird aber von Durkheim nicht weiter diskutiert, da er in modernen Gesellschaften nicht vorkommt, ähnlich wie der altruistische Selbstmord.

Die beiden letztgenannten Typen beziehen sich auf verschiedene Regelzustände. Die Anomie entspricht einer kompletten Abwesenheit von Regeln, der Fatalismus der Überreglementierung.

Q:

Nennen und erläutern Sie die Merkmale sozialer Tatbestände nach Durkheim.

A:

Émile Durkheim definiert soziale Tatsachen als „jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihre individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“. 

Somit ergeben sich als charakteristische Merkmale

1. Äußerlichkeit. Sie sind nicht etwas, was aus dem Individuum heraus gebildet wird. Soziale Tatsachen wirken von außen auf den Akteur. Sitten, Bräuche, Normen werden durch die Gesellschaft getragen, das Befolgen von Regeln wird durch andere überwacht und gegebenenfalls sanktioniert.

2. Zwang. Soziale Tatsachen üben Druck auf das Individuum aus. Wenn ein Akteur im Miteinander mit anderen verstanden werden will, so muss er sich der Sprache bedienen, die diese anderen sprechen. Andernfalls kann er nur sehr eingeschränkt am Sozialleben teilnehmen.

3. Allgemeinheit der sozialen Tatbestände betont, dass sie weit verbreitet im täglichen Umgang der Menschen miteinander zu finden sind. Sie hinterlassen „Spuren“ in Statistiken wie Geburten-, Ehe- oder Selbstmordraten. Diese sozialen Tatsachen sind nach Durkheim historisch in den Gesellschaften gewachsen und keinesfalls natur- oder gottgegeben. 

4. Unabhängigkeit betont, dass die sozialen Tatsachen ein Eigenleben führen, dass losgelöst von individuellen Interpretationen fortbesteht. Die Unabhängigkeit verkörpert sich in statistischen Raten, in denen individuelle Fälle neutralisiert erfasst werden und sich mit der Masse eine Signifikanz darstellen lässt.

Als Beispiel für eine soziale Tatsache, die alle vier Charakteristika abdeckt, kann die Sprache herangezogen werden: Sprache kommt von außen, wird im Umgang mit anderen gelernt, sie kommt nicht aus den Menschen selbst heraus. Wie oben angeführt, muss ich, um mit anderen interagieren zu können, zwingend eine Sprache sprechen, die die anderen ebenfalls beherrschen. Sprache ist allgemein verbreitet, wird selbstverständlich benutzt, wenn mehrere Akteure aufeinandertreffen. Sprache ist unabhängig von individuellen Interpretationen. Man muss sich der allgemein anerkannten Bedeutung bedienen, um verstanden zu werden. Ein Einzelner kann nicht beschließen, die Bedeutung der Wörter oder die Grammatik zu ändern. Sprache ändert sich im andauernden Gebrauch vieler über einen langen Zeitraum hinweg.

Q:

Nennen und erläutern Sie die vier Funktionen soziologischer Zeitdiagnosen nach Müller.

A:

Die erste Funktion ist die konstitutive Funktion. Konstitutiv bedeutet hier, dass soziologische Zeitdiagnosen wesentlich zur gesellschaftlichen Orientierung beitragen, da die begrifflichen Klassifikationen der soziologischen Zeitdiagnosen zur Selbstbeschreibung von Gesellschaften dienen. Diese Selbstbeschreibung von Gesellschaften können das «wann», «wo», «wie» und «was» eines Individuums in einer Gesellschaft bestimmen. (z.B. wir leben im digitalen Zeitalter).

 Die zweite Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die kognitive Funktion. Der sinnhaften Interpretation gesellschaftlicher Phänomene wird, sowohl durch die Theoriebildung als auch durch eine historisch-empirische Analyse, ein solides wissenschaftliches Fundament gegeben. (z.B. kritische Theorie der Frankfurter Schule).

Die dritte Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die expressive Funktion. Dem „Zeitgeist“ wird eine begriffliche Form gegeben. Verschiedenen einzelnen sozialen Phänomenen wird ein Oberbegriff gegeben, so werden z.B. der epistemologische, ethische und ästhetische Relativismus sowie der Verlust eines kollektiven sinngebenden Narrativs unter dem Oberbegriff „Postmoderne“ zusammengefasst. (z.B. standen die 68er Jahre im Zeichen der freien Liebe, unkonventionellen Lebensstilen und Anti-autoritärer Erziehung). 

Die vierte Funktion von soziologischen Zeitdiagnosen ist die evaluative Funktion. Diese Funktion impliziert eine normative Dimension. In der Regel wird von einer Idealnorm ausgegangen, die, wie alle Idealnormen, empirisch nicht erreicht ist bzw. häufig auch gar nicht zu erreichen ist (z. B. eine Gesellschaft ohne soziale Ungleichheit). Das Abweichen der empirischen Realität (dem Ist-Zustand) von der Idealnorm (dem Soll-Zustand) führt dazu, dass bei dieser Art von Evaluation häufig eine Krise postuliert wird und zu einer Kurskorrektur aufgerufen wird – eine Kurskorrektur hin zum Ideal, dem Vorbild, wie die Gesellschaft sein sollte. (z.B. kritisiert die Gesellschaftstheorie von Marx die soziale Ungleichheit zwischen Proletariat und Bourgeoisie und plädiert für deren Aufhebung bzw. Änderung der Situation). 

Q:

Erläutern Sie den Unterschied der Klassenbegriffe von Marx und Weber.

A:

Die Differenziertheit der Konzepte ist für Burzan der wesentliche Unterschied zwischen den Klassenbegriffen von Marx und Weber: für Marx unterscheiden sich Klassen nur durch ökonomische Aspekte voneinander, was kausal deren Lebensverhältnisse beeinflusst. Weber hingegen benutzt ein mehrdimensionales Konzept, in dem der Klassencharakter als wesentliches Merkmal für Kapitalismus eher in den Hintergrund rückt. Gemeinsam ist beiden das Merkmal Besitz zur Kennzeichnung von Klassenunterschieden. Im Konzept von Marx finden sich zwei Klassen, die sich durch den Besitz/Nichtbesitz von Produktionsmitteln unterscheiden: die Bourgeoisie als herrschende Klasse besitzt Produktionsmittel und kann dadurch Mehrwert abschöpfen. Das Proletariat besitzt keine Produktionsmittel und muss seine Arbeitskraft „verkaufen“. Marx begründet diese Einteilung damit, dass Produktion die Grundlage des menschlichen Daseins und Zusammenlebens bilde und wirtschaftliche Macht politische Macht bedinge. Die Gesellschaftsstruktur orientiert sich somit vorwiegend an ökonomischen Aspekten, wirkt sich jedoch auf Bereiche wie Politik, Kultur und Recht aus, da das Sein nach Marx Einfluss auf das Bewusstsein hat. Weber beschreibt ein mehrdimensionales Modell, in dem er Klassen nach Besitz und Erwerb von und Verfügungsgewalt über Güter sowie Leistungsqualifikationen determiniert, die die Chancen auf dem Markt beeinflussen. Er unterscheidet verschiedene Klassen: Besitzklassen sind durch positiven (z.B. Bergwerk) oder negativen Besitz (Verschuldung) gekennzeichnet. Dazwischen gibt es Mittelstandsklassen. Erwerbsklassen werden dadurch bestimmt, welchen Marktwert die vorhandenen Güter oder Leistungen besitzen. Soziale Klassen zeichnen sich dadurch aus, dass ein Wechsel in eine andere Klasse persönlich oder in einer Generationenfolge möglich ist bzw. typischerweise stattfindet (soziale Mobilität). Zu dieser Klasse gehören nach Weber z.B. Arbeiterschaft und Kleinbürgertum. Klassenbewusstsein ist nicht erforderlich.

Q:

Erläutern Sie Simmels Unterscheidung von quantitativem und qualitativem Individualismus.

A:

Simmels Gesellschaftsanalyse vertritt eine relativ positive Bilanz von Differenzierung und Individualisierung, seine Kultur- und Zeitdiagnose aber eine eher skeptische. Dahin steht seine Frage, ob das Individuum die Freiheitschancen auch zur Ausbildung der eigenen Individualität nutzt. Denn Simmel unterscheidet Kultur in objektive, d.h. Schaffung von Kulturgütern, und subjektive Kultur, d.h. "Verfeinerung des Lebens" und damit innerer und äußerer Arbeit des Individuums an sich. Zwar besteht ein relativ enger Zusammenhang zwischen beiden, aber das Tempo der Gesellschaft lässt das Individuum hinter dem Anwachsen der objektiven Kultur zurückbleiben. Es muss sich das Wissen von Generationen aneignen und steht orientierungslos vor einem Pluralismus von Wertekosmos und Vervielfältigung der Lebensstile.

Simmel sucht zu ergründen, woher das Bedürfnis der Menschen nach Individualität kommt und was dessen historische Formen sind. Für ihn steht fest, dass Idee und Ideal der Individualität modernen Ursprungs sind und Modernität und Individualität gleichursprünglich. Um Richtungen, Ausprägungen besser unterscheiden zu können unterscheidet er daher quantitativen vom qualitativen Individualismus.

Quantitativer Individualismus: der Begriff entstammt bereits der Aufklärung und Simmel sieht ihn in Kants Begriff als reinstem verwirklicht. Er meint die Präferenz von persönlicher Freiheit und moralischer Entfaltung zum autonomen Individuum, orientiert an Kants Kategorischem Imperativ. Das stellt zwar die Person gleich, den Menschen selbst als höchst unterschiedlich veranlagt aber hintan. Negative Folge sind soziale Ungleichheit und die Freiheit des Starken.

Qualitativer Individualismus: statt Gleichheit als materialistische Forderung und Freiheitsbegriff seit dem 19.Jh. zu übernehmen wird Anderssein zum Ideal. D.h. Freiheit wird beibehalten, Gleichheit aber durch Ungleichheit oder Differenz ersetzt.

Nach Simmel schließt sich hier der Kreis: zwischen struktureller Entwicklung der Gesellschaft in Form der Arbeitsteilung und ihrer kulturellen Entfaltung in Form des qualitativen Individualismus andererseits.  

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Q:

Erläutern Sie die folgenden Grundbegriffe Webers: Verhalten, Handeln, soziales Handeln.

A:

Weber legt eine Handlungstheorie vor mit dem konstituierenden Subjekt als Akteur und nimmt "soziales Handeln" zum Gegenstand. Seine Grundfrage ist die nach der "Gesellschaftsgeschichte der okzidentalen Moderne" und er erst legt der Soziologie mit Werturteilsfreiheit und "verstehendem Erklären und kausalem Verstehen" Methode und Ziel. Dabei folgt er Beziehungen auf Mikro- zur Makro-ebene und legt Paradoxien und Ambivalenzen auf Gesellschaft und die Lebensweise des Einzelnen offen. Handeln unterscheidet er in drei Kategorien:


- Verhalten: meint ein körperliches und reflexives Reagieren eines Menschen ohne subjektiv gemeinten Sinn.

- Handeln: meint menschliches Verhalten als innerliches oder äußerliches Tun oder Dulden, das mit einem subjektiven Sinn verbunden ist.

- Soziales Handeln: "...soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist".


Damit legt Weber der Soziologie den Grundbegriff des sozialen Handelns als rationale Erklärung regelorientierten Handelns.

Auf dieser Grundlage unterscheidet er nun vier Handlungstypen (als Ideal und theoretischer Maßstab genommen), die nach Art und Ausmaß rationaler Kontrolle klassifizieren lassen:

1. Zweckrationales Handeln: hat volle Kontrolle auf Mittel, Zweck, Wert und Folgen seines Handelns; s. homo oeconomicus

2. Wertrationales Handeln: hier gilt der Eigenwert der Handlung, die nur um ihrer selbst willen getan wird, s. der gläubige Christ

3. Affektuell/emotionales Handeln: kontrolliert Mittel und Zweck und ist an Gefühlen orientiert, Wert und Folgen bleiben außer acht

4. Traditionales Handeln: ist rein an Mitteln und eingelebten Gewohnheiten orientiert, d.h. Zweck, Wert und Folgen entgleiten der Kontrolle.

Diese vier Handlungstypen als Idealtypus gelten ihm als "Instrumente" und wesentliches methodisches Mittel, um zu evidenten sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.

Q:

Nennen und erläutern Sie die drei grundlegenden Probleme soziologischer Zeitdiagnosen nach Müller.

A:

Nach Müller begegnen soziologische Zeitdiagnosen insbesondere drei Problemen:

1. Das Problem der Adäquanz liegt immer da vor, wo ein Begriff einen Gegenstand vollumfänglich erfassen soll. Eine Epoche, Gesellschaft, Kultur oder einen Charakter mit nur einem Begriff zu erfassen kann sowohl zu einer Überdehnung, als auch zu einer Unterbestimmung führen. So ist der Kapitalismus beispielsweise bahnbrechend, doch deshalb sind nicht alle Lebensverhältnisse kapitalistisch, so führt Müller an. Und je komplexer eine Gesellschaft wird, umso schwieriger fällt es, ihre Struktur- und Entwicklungslinien unter einen Begriff zu bringen. 

2. Das Problem des modischen Zeitgeistes tritt bei Diagnosen ohne vorangegangene tiefgreifende Analyse auf. So kann solch eine Studie über Marketingstrategien, Meiden und die Konsumindustrie schnell zu einem wahren Trend werden und sich tatsächlich empirisch bewahrheiten. Demgegenüber steht das Problem der Ideologie, bei der ein Begriff über eine lange Zeit immer mehr verbogen wird und die Theoriebildung ausufert, um mit der Realität mitzuhalten. Auch hier mangelt es somit häufig an historisch-empirischer Analyse. 

3. Das Problem des Normativen besteht darin, dass die Grenze zwischen Soziologie und Sozialphilosophie häufig verschwimmt. So besteht die Aufgabe der Soziologie nach Max Weber (1973) einzig und allein die Wirklichkeit abzubilden, nicht aber darüber zu urteilen. Soziologische Zeitdiagnosen laufen jedoch stets Gefahr, auch moralische Empfehlungen abzugeben.
Durkheim und Habermas etwa vertreten jedoch die Position, dass Soziologie und Sozialphilosophie unauflöslich miteinander verbunden sind und damit auch die Zeitdiagnose samt evaluativer Beurteilung sozialer Phänomene zu den ureigensten Aufgaben der Soziologie gehört.

Müller bezeichnet Zeitdiagnostik als „Soziologie mit beschränkter Haftung“ (29). Selbst die intensivste Analyse der sozialen Wirklichkeit verhindert nicht das Risiko der Deutung, also der interpretativen Verdichtung der gewonnenen Erkenntnisse.
Nach Müller gebe es nicht die eine Gesellschaft, derer Spiegel die Soziologie darstelle, denn eine Gesellschaft sei ein komplexes Gebilde. Das Entwickeln des Gesellschaftsbildes gelinge hier mal besser und mal schlechter. 

Q:

Erläutern Sie Webers These von der Wahlverwandtschaft zwischen protestantischer Ethik und kapitalistischem Geist.

A:

Weber geht es um die Eigenart des modernen okzidentalen "Rationalismus", zumal er ihn im westlichen, modernen Kapitalismus an einer einzigartigen Konstellation aus sechs Punkten ausmacht: für Kapitalismus, Wissenschaft, Kunst, Recht, Staat und Bürokratie weist er Rationalität nach, die sich zuletzt in freier Lohnarbeit zeigt. In allen Kulturen sind die o.g. Punkte unterschiedlich ausgeprägt vorfindbar, aber nur im Westen und im modernen Kapitalismus fallen sie in der westlichen Form zusammen.

Weber glaubt, im "asketischen Protestantismus" und vor allem im Calvinismus (d.h. in der Prädestinationslehre) eine Religion gefunden zu haben, die zur Entstehungszeit des Kapitalismus seine Durchsetzung begünstigt hat. Der Calvinismus mit dem "Geist" einer asketischen Berufsethik habe dies erst möglich gemacht. Webers These lautet daher, dass es eine Wahlverwandtschaft zwischen Puritanismus und dem Kapitalismus gebe.

Ausgangspunkt von Webers Analyse ist die empirische Beobachtung einer "spezifischen Neigung zum ökonomischen Rationalismus" bei Protestanten. Sie stellen häufiger als Katholiken das Unternehmertum und gebildetere Arbeitskreise. Damit stößt er auf eine Brücke zwischen Religion und Wirtschaft: die Tüchtigkeit im Beruf. Die Reformation wertet moralische die Arbeit auf, die in Calvins Berufskonzeption einfließt und sich ursächlich an der "Gnadenwahl" festmachen läßt. Diese Prädestinationslehre besagt, wer in den Himmel kommt, sei vorbestimmt. Die Menschen stellt das allein und auf sich; dennoch müssen sie religiös leben und wirken, um sich vor der Hölle zu retten. Im Resultat beschreiten sie, erkennt Weber, zwei Wege: sie kehren das Dogma um, so dass sich jeder für erwählt halten kann und wählen als Mittel und Weg die "rastlose Berufsarbeit", um Ängste abzubauen. D.h. sie kehren Fatalismus in die Pflicht zur Selbsterwähltheit und rastlose Berufsarbeit zu aktiver Selbst- und Weltbeherrschung um. Diese Rationalisierung der Lebensführung aus Angst vor dem Jenseits leistet der Durchsetzung des modernen Kapitalismus Vorschub.

Die ökonomischen Auswirkungen dieser puritanischen Idee der asketischen Berufsethik bestätigen Webers Erkenntnis: Reichtum als sonst suspekt wird geduldet, wenn er nicht reinem Genuß oder dem Ausruhen auf seinem Besitz dient. "Zeit ist Geld" wird Grundsatz, Arbeitsteilung vorangetrieben und durchrationalisiert, denn "wer arbeitet, sündigt nicht". Das führt zum "wer nicht arbeitet, soll nicht essen", wodurch Armut erpönt ist und aufzeigt, wer des Teufels war. Diesen indirekten Auswirkungen stehen direkte gegenüber wie das Genussverbot, das dem Prinzip asketischer Lebensführung widerspricht und es folgt eine ambivalente Haltung gegen Kunst und zu viel Comfort, zumal alle Kraft auf Produktion und Akkumulation (Sparzwang) gerichtet wird. 

Im Ergebnis, stellt Weber fest, generiert der moderne Kapitalismus selbst die "Entzauberung der Welt", das Berufsmenschentum, den drohenden Sinnverlust und vor allem ein "stahlhartes Gehäuse" neuer Hörigkeit.

Q:

Nennen und erläutern Sie die Prozesse gesellschaftlicher Differenzierung nach Simmel.

A:

Simmel nennt 3 Prozesse, die evolutionär aufeinander folgen, nämlich
1. Arbeitsteilung
2. Rollendifferenzierung
3. Funktionsdifferenzierung.

Zu 1.: Die Arbeitsteilung im volkswirtschaftlichen Sinn ist nach Simmel der wesentliche und initiale Faktor gesellschaftlicher Entwicklung. Aufgaben werden in ihrer Gänze nicht mehr von einer Person oder Personengruppe erledigt, sondern in verschiedene Teilaufgaben zerlegt. Diese wiederum werden dann von Fachkräften bearbeitet (prozessuale Arbeitsteilung). Dies steigert einerseits Produktivität und Effizienz, führt aber andererseits zu fortschreitender Spezialisierung (berufliche Differenzierung).

Zu 2.: Die Rollendifferenzierung im soziologischen Sinn ergibt sich aus der Ausdehnung der Gruppen, denen ein Mensch angehört. Nach Simmel führt dies zunächst zu immer weiterer Fragmentierung und Differenzierung innerhalb der Gruppe bis hin zur Herausbildung von Kleingruppen. Dabei wird der Einzelne meist mehreren Gruppen gleichzeitig angehören (z.B. dem Kollegenkreis, dem Sportverein und dem Ortsverband einer Partei), deren Interessen durchaus widersprüchlich sein können. Er möchte den unterschiedlichen Rollenerwartungen gerecht werden und Rollenkonflikte vermeiden und muss daher seine Handlungen koordinieren und Prioritäten setzen. Dies eröffnet ihm vielfache Handlungsspielräume und fördert seine Individualität.

Zu 3.: Die Funktionsdifferenzierung resultiert aus fortschreitender Arbeitsteilung und ist gekennzeichnet durch mehr oder weniger autonome, thematische Funktionsbereiche. Sie haben jeweils eine bestimmte Funktion für und einen bestimmten Fokus auf das Gesamtsystem. Beispielsweise interessiert sich der Funktionsbereich „Wirtschaft“ für Fragen des Angebots und der Nachfrage, während sich der Funktionsbereich „Wissenschaft“ dafür interessiert, ob etwas erklärbar ist. Die Verbindung der Funktionsbereiche erfolgt über eine entwickelte Geldwirtschaft.

Q:

Nennen und erläutern Sie die drei von Heitmeyer unterschiedenen Krisenphänomene moderner Gesellschaften. Erläutern Sie dabei jeweils die dem Krisenphänomen zugrundeliegende gesellschaftliche Entwicklung.

A:

Heitmeyers Zeitdiagnose stellt die radikale Beschleunigung gesellschaftlicher Veränderungen in den Fokus. Diese führt in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Medien) zur Anomie, also der drastischen Abnahme sozialer Normen und Regeln was wiederum in der gegenwärtigen Gesellschaft, die bereits in vielen ihrer Teilbereiche ausdifferenziert ist, zu Problemlagen führt, den sogenannten „Desintegrationsphänomen“ (Heiser 2021: 37). Diese lassen sich nach Heitmeyer zu drei gesellschaftlichen Krisenphänomenen zusammenfassen: Strukturkrise, Regulationskrise, Kohäsionskrise (Heiser 2021: 38). 

Die Strukturkrise findet auf institutioneller Ebene statt und bezeichnet den Prozess des schwindenden Einflusses auf strukturelle Entwicklungen durch Politik und Staat. Entstanden ist diese Krise, unter Einfluss globaler Wirtschaftsvernetzung, aus der systemischen Differenzierung, also aus der Aufsplittung des jeweiligen nationalen politisch-administrativen Systems in etliche Teilbereiche. 

Regulationskrise meint die gesellschaftliche Entwicklung des Wegfalls und der Veränderung von Werten und Normen. Sie hat ihren Ursprung in der Gesellschaft selbst, also sowohl in jedem Individuum als auch in der Interaktion der Individuen und ihrer kollektiven Haltung: Gesellschaftliche Werte und Normen werden derart ausgeblendet, dass sie schließlich nicht mehr als Kompass für das eigene Verhalten dienen. 

Die Kohäsionskrise meint das Auflösen sozialer Bindungen der Individuen einer Gesellschaft untereinander und zueinander. Sie ist durch die beständige Individualisierung jedes Einzelnen entstanden und schlägt sich im tatsächlichen sozialen Leben nieder: Individuen sind nicht mehr in Gemeinschaften integriert, sie desintegrieren sich selbst durch Prozesse der Individualisierung, was spiralförmig dazu führt, dass jeder Einzelne immer weniger Halt hat und sich demnach immer weiter von der Gemeinschaft abgrenzt.

Q:

Erläutern Sie den Unterschied zwischen einer Klasse an sich und einer Klasse für sich im Sinne Marx‘.

A:

Jede Klasse ist durch gemeinsame Kriterien ihrer Mitglieder gekennzeichnet – bei Marx sind es ökonomische. Bsp: die Klasse der Bourgeoisie ist gekennzeichnet durch Besitz an Produktionsmitteln, wodurch sie Mehrwert abschöpfen kann und damit ihr Kapital vermehrt.Befinden sich Mitglieder einer Gesellschaft objektiv in der gleichen Klasse, spricht Marx von einer Klasse an sich. Wenn die Mitglieder einer Klasse die Klassenstrukturen erkennen, aufgrund gemeinsamer Interessen und Einstellungen ein gemeinsames Klassenbewusstsein entwickeln und daraus folgend solidarisch handeln, spricht Marx von einer Klasse für sich.

Q:

Nennen und erläutern Sie die drei von Sennett unterschiedenen Arten von Unsicherheit. 


A:

Richard Sennet hat sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus und der aktuellen Arbeitswelt auf den Menschen als Individuum beschäftigt. In seiner Grundannahme geht er davon aus, dass sich der menschliche Charakter durch langfristige Ziele und langfristige mitmenschliche Beziehungen bildet.

Doch in der heutigen Gesellschaft wird von dem Individuum „Flexibilität“ erwartet. Dies passt nicht zu den Grundvoraussetzungen der Charakterbildung. Dies Flexibilität die die Arbeitswelt verlang nennt Sennet „flexiblen Kapitalismus“.

Dieser ruft Unsicherheiten beim Menschen hervor.

Sennet unterschiedet hier drei Arten von Unsicherheiten.


1.     Mehrdeutige Seitwärtsbewegungen: Als Mensch strebt man in der heutigen Arbeitswelt ständig nach Verbesserung des Arbeitsplatzes. Es ist nicht mehr so, dass man in einer Firma seine Ausbildung macht und sich dort sein ganzes Arbeitsleben lang weiterentwickelt. Früher gab es in einem Lebenslauf eine rote Linie. Nach der Ausbildung kam die Festanstellung und dann gab es innerhalb der Firma in der man angefangen hat die Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln und fortzubilden, so dass die Arbeitskraft meinst an einen Ort (eine Firma) gebunden war und es eine klare Linie gab wie die Entwicklung aussehen konnte oder sollte. Heutzutage ist das Streben nach einer erfüllenden, erfolgreichen Arbeitsstelle so groß, dass der Arbeitnehmer ständig auf der Suche nach einer Verbesserung ist und sich auch ständig auf neue Stellenausschreibungen auch außerhalb seines Unternehmens bewirbt, um sich selber weiterzuentwickeln. Dabei geht der Arbeitnehmer immer nur davon aus, dass die neu Stelle auch tatsächlich ein Fortschritt ist. Sicher kann der Arbeitnehmer erst sein, wenn er die neue Stelle angetreten hat und auskleiden muss. Erst hier wird für den Arbeitnehmer sichtbar, ob der Wechsel der Arbeitsstelle tatsächlich ein Fortschritt war. Es kann auch sein, dass der Stellenwechsel nur eine Seitwärtsbewegung oder sogar eine Rückwärtsbewegung mit sich gebracht hat.

2.     Aushalten retrospektiver Verluste: wie oben beschrieben wird erst nach dem Wechsel der Arbeitsstelle für den Arbeitnehmer sichtbar ob und in welchem Maße der Arbeitsplatzwechsel tatsächlich einen Fortschritt mit sich gebracht hat. Betrachtet der Arbeitnehmer nun aus der neuen Position heraus die vergangenen Arbeitsstellen kann es vorkommen, dass er den Stellenwechsel nicht als Fortschritt erkennt. Dies führt zu einem Gefühl des Verlustes, den er beim Blick in die Vergangenheit aushalten muss.

3.     Unvorhersehbare Einkommensentwicklungen: Bei dem Wechsel eines Arbeitsplatzes orientieren sich viele (potentielle) Arbeitnehmer an dem Gehalt. Dieses Gehalt betrachtet aber nicht alle mit einem Arbeitsplatz verbundenen Kosten. Selbst wenn ggf. ein höheres Gehalt ausgezahlt wird, kann es sein, dass eine neue Arbeitsstelle defacto weniger Einkommen für den Arbeitnehmer mit sich bringt. Dies kann vor dem Arbeitsplatzwechsel nicht festgestellt werden.

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